Ist die Entscheidung gegen den Familienbetrieb auch immer eine gegen Ihre Familie?

Ist die Entscheidung gegen den Familienbetrieb auch immer eine gegen Ihre Familie?

Mein Einstieg ins Familienunternehmen war – wie übrigens bei vielen Junioren – kein geplanter. Meine damalige Arbeitsstelle war langweilig geworden und meine Eltern brauchten Unterstützung im Büro. Da lag es nahe, das familieneigene Potenzial zu nutzen und die Tochter in den Familienbetrieb zu holen.

Ich wurde gerufen und sagte natürlich zu

Schließlich war ich es gewohnt, in der Firma zu arbeiten. Warum also woanders sein Geld verdienen, wenn es auch Zuhause geht?! Dem Gedanken „Wenn ich einmal drin bin, komme ich hier nicht mehr weg“, schenkte ich damals keine große Beachtung. Und in der Familie war es sowieso kein Thema. Ein Fehler, wie sich bald herausstellen sollte.

Das Ganze wurde zur wilden Achterbahnfahrt der Gefühle …

Vielleicht kommt Ihnen das jetzt als Junior im Familienbetrieb sehr vertraut vor: Lief alles rund, konnte ich mir keine bessere Arbeit vorstellen. Doch gab es Streit in der Familie (und den gab es häufiger, als mir lieb war), schmiedete ich „Fluchtpläne“. Ich war ständig hin- und hergerissen.

Konnte ich einfach so gehen? Den ganzen Kram hinschmeißen?

Ich fand mich egoistisch. Es war, als würde ich meine Familie im Stich lassen. Das Verfahrene an der ganzen Situation:

Ich konnte mit niemandem darüber reden

Im Freundes- und Bekanntenkreis stieß ich auf völliges Unverständnis. Viele wären froh gewesen um diesen „unkündbaren“ Job.

Und in der Familie darüber sprechen? Alle anderen schienen mit der Situation doch völlig im Frieden zu sein, nur ich nicht. Kurz: Meine Entscheidung, das Familienunternehmen zu verlassen, dauerte Jahre!

Warum fällt es vielen Junioren so schwer, eine Entscheidung gegen das Familienunternehmen zu treffen?

Wahrscheinlich weil Sie die innere Verpflichtung spüren, die Nachfolge anzutreten. Das ist völlig normal und in Ordnung. Sie müssen es nur erkennen und sich auf den Weg zu sich selbst machen. Denn, ganz ehrlich, wenn Sie nur halbherzig dabei sind, hat keiner was davon. Weder Sie noch das Unternehmen. Deshalb hier drei Erkenntnisse für Sie:

1. Ihre Familie ist kein guter Ratgeber

Persönliche Bindungen erschweren die Gespräche über den eigenen Weg, ja, machen diese fast unmöglich. Warum? Gründer können die besondere Situation des Nachfolgers aus der eigenen Familie nicht verstehen. Denn sie haben sich damals ja bewusst fürs Unternehmen entschieden.

Und selbst wenn Ihre Eltern das Unternehmen von den Vorfahren übernommen haben, war deren Situation damals eine völlig andere als Ihre heute. Früher hatte man in der Regel keine Wahl. Das Unternehmen musste weitergeführt werden, komme was wolle. Widerspruch zwecklos, eigene Pläne sinnlos.

2. Wagen Sie einen ersten Blick in Ihre Zukunft

Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, wie Sie sich Ihr Leben – Ihr Berufsleben – vorstellen? Gäbe es das Familienunternehmen nicht, was würden Sie dann tun? Wie würden Sie Ihren besonderen Fähigkeiten und Talente einsetzen? Was ist für Sie wichtig? Was sinnstiftend?

3. Oder noch ein bisschen mutiger: Was wäre wenn …?

Was wäre wenn Sie das Familienunternehmen tatsächlich verlassen? Wie würde sich Ihr Leben verändern? Was wäre anders? Wie fühlt sich das an? Und wie ist es, wenn Sie bleiben und sich vorstellen, dort die nächsten 20 Jahre zu verbringen?

Lassen Sie sich einfach mal mutig auf diese Gedanken ein

Der Satz „Ich verliere nicht nur meine Arbeit, sondern auch meine Familie“ hatte mich lange Zeit umgetrieben. Fast verrückt gemacht. Aber irgendwann stand meine Entscheidung fest und fühlte sich richtig gut an. Plus: Es fanden sich völlig neue und unerwartete Wege mit meiner Familie. Und ganz ehrlich: Das alles war viel besser als vorher.

Kategorie Entscheidungen, Familienunternehmen
Marita Eckmann

Marita Eckmann kommt selbst aus einer Unternehmerfamilie und kennt die emotionalen Herausforderungen von Junioren in Familienunternehmen aus eigener Erfahrung. Heute bietet sie Nachfolgerinnen und Nachfolgern in Familienbetrieben eine umfassende Beratung, um den eigenen persönlich erfüllenden Lebensweg zu finden.