Seit ich mich neu auf das Schreiben einlasse, mache ich mir viele Gedanken über das Schreiben selbst: Wie kam ich eigentlich dazu? Wie hat es sich über die Jahre verändert? Und was bedeutet Schreiben heute für mich?
Ich hatte noch nie Ambitionen, ein Buch zu schreiben. In mir waren noch nie literarische Geschichten, die darauf warten, erzählt zu werden.
Schreiben half mir, Ereignisse zu verarbeiten.
Es war mein Gegenüber, wenn es niemanden gab, dem ich mich anvertrauen konnte. Über die Zeit wurde es zu einem wertvollen Werkzeug der Bewusstseinsentwicklung. Daraus entstand das Journaling als Dokumentation meines Alltags.
Als das Bloggen in mein Leben kam – etwas, wonach ich mich lange gesehnt hatte –, trat all das mehr und mehr in den Hintergrund. Inzwischen ist auch das fast verschwunden.
So wie das Zeichnen aus meinem Leben verschwand, schleicht sich offensichtlich auch die bunte Dokumentation des Lebens aus meinem Leben.
Was bleibt, ist etwas Essenzielles.
Schreiben ist für mich ein Werkzeug. Und wie jedes Werkzeug dient es einer Funktion.
Diese Funktion hat sich über die Jahre verändert – aber eines ist gleich geblieben: Schreiben hilft mir, genauer hinzusehen.
Der Stift in der Hand ist wie ein Vergrößerungsglas für die Wahrnehmung.
Durch Zeichnen lernt man das Sehen, und das stimmt. Wer einmal versucht hat, einen einfachen Gegenstand abzuzeichnen, merkt schnell: Man sieht plötzlich Details, die vorher unsichtbar waren – Linien, Schatten, Proportionen und Feinheiten. Das Auge wird geschult, weil es nicht mehr nur oberflächlich konsumiert, sondern bewusst beobachtet. Genau das passiert auch beim Schreiben.
In dem Moment, in dem ich beginne, über etwas zu schreiben, verändert sich meine Wahrnehmung.
Ein Ereignis bleibt nicht bloß ein Ereignis. Ein Gefühl bleibt nicht bloß diffus im Raum stehen. Ich bleibe. Ich fokussiere mich, taste mich Wort für Wort heran. Und durch dieses Bleiben beginnt sich etwas zu zeigen.
Schreiben ist für mich Wahrnehmungsschulung.
Es ist ein Resonanzraum, eine Erkenntnispraxis. Resonanz verstehe ich dabei nicht als Trigger, nicht als Alarmzeichen.
Es ist ein leises inneres „Ja“, ein feines, kaum spürbares Vibrieren, wenn etwas mit mir in Kontakt geht.
Es ist Freude. Manchmal Irritation – und manchmal nur eine Ahnung von: Hier ist etwas. Dann wird meine Neugier geweckt und ich möchte verstehen, was es ist.
Es gibt noch einen zweiten, sehr einfachen Grund, warum ich schreibe:
Meine Gedanken müssen irgendwohin. Ich kann sie nicht einfach durchfließen lassen. Nicht, weil ich sie kontrollieren möchte, sondern weil sie sich so kostbar anfühlen.
Zu wertvoll, zu erkenntnisreich, zu lebendig, um sie wieder im Strom des Alltags verschwinden zu lassen.
Jede Erkenntnis verändert meinen Blickwinkel und damit mich selbst.
Jede neue Sichtweise öffnet etwas in mir. Diese Momente sind wie Perlen auf einer Kette – Geschenke des Lebens. Kleine Momente des Verstehens. Für mich ist das Leben. Pure Lebendigkeit.
So wie ein Fotograf einen Moment einfängt, weil er etwas Besonderes darin entdeckt, halte ich Gedanken fest, die in mir resonieren. Vielleicht auch aus der leisen Angst heraus, sie wieder zu verlieren, denn Gedanken sind flüchtige Wesen.
Schreiben ist für mich wie Fotografie: eine Momentaufnahme.
Ich versuche, das Leben zu verstehen, und entdecke dabei Bedeutungen. Ich hangle mich an den Ereignissen des Alltags entlang – Gespräche, Beobachtungen, kleine Momente – und frage: Was daran bewegt mich? Was zeigt sich hier? Was will gesehen werden?
Es geht mir nicht mehr darum, meinen Alltag zu dokumentieren. Es geht darum, sichtbar zu machen, was er in mir auslöst. Bedeutungen zu entdecken, Zusammenhänge zu erkennen – dem Leben zu lauschen.

Und vielleicht liegt genau darin seine Kraft: Wenn das Leben spricht, halten wir den Stift hin und lauschen. Nicht, um es festzuhalten.
Sondern um uns schreibend selbst zu begegnen.
Und vielleicht ist das die eigentliche Frage:
- Wenn Schreiben ein Werkzeug ist – wofür benutzt du es?
- Was wird sichtbar, wenn du beginnst, genauer hinzusehen?
Und was könnte sich verändern, wenn du Schreiben als Wahrnehmungspraxis begreifst?
Manchmal reicht es, sich hinzusetzen und zu beginnen.













