Samstagabend. Ich strample kräftig in die Pedale. Ich hatte nicht auf die Zeit geachtet und vergessen, dass das Fitnessstudio schon in 30 Minuten schließt. Also gebe ich Gas, um in der kurzen Zeit möglichst effektiv zu trainieren. Ich spüre meinen Puls, meine Beine, meinen Atem, und plötzlich wird mir etwas klar:
Jahrzehntelang hatte ich meine Persönlichkeitsentwicklung genauso betrieben wie dieses Training: so effektiv wie möglich.
Wenn ich viel, intensiv und lange trainiere, steigere ich meine Kondition. Wenn ich regelmäßig trainiere, bauen sich meine Muskeln auf. Tue ich nichts, passiert nichts.
Doch entscheidend beim Training ist nicht nur die Belastung, sondern auch die Pause. Das Training setzt den Impuls, die Muskeln wachsen in der Regenerationsphase.
Und genau das habe ich beim inneren Wachstum lange nicht verstanden.
Getrieben vom Wunsch, endlich anzukommen
Durch meine persönliche Geschichte habe ich Persönlichkeitsentwicklung wie ein Leistungsprojekt behandelt:
- Wenn ich viel tue, passiert viel.
- Wenn ich die richtige Methode finde, geht es schneller.
- Wenn ich diszipliniert bleibe, löse ich meine Themen schneller.
Ich war getrieben von dem Wunsch, endlich anzukommen. Es endlich leichter zu haben im Alltag. Ich hatte die vielen Herausforderungen satt. Ich suchte nach wirksamen Konzepten und wirkungsvollen Methoden.
Ich wollte schnell Fortschritte machen, um Ergebnisse zu spüren. Um voranzukommen.
Pause bedeutete für mich Stillstand.
Ich bin in einer Unternehmerfamilie groß geworden, in der ständig gearbeitet wurde. Für alles andere war keine Zeit. Dieses Muster hatte ich übernommen und zu meinem ganz eigenen Lebensprogramm gemacht:
- Wenn ich viel mache, passiert viel.
- Mache ich nichts, gibt es keinen Fortschritt.
- Pausen sind Zeitverlust.
- Nicht-Tun ist Faulheit.
Stillstand fühlte sich fast schon wie Rückschritt an.
Unter all dem lag eine tiefere Angst: Wenn ich loslasse, bricht alles zusammen. Dann kann ich meine Probleme nicht lösen. Dann verliere ich die Kontrolle.
Ich konnte Stille nicht aushalten.
Nicht-Tun fühlte sich nach Ohnmacht an – und Ohnmacht war eines der schlimmsten Gefühle für mich.
Also kämpfte ich. Gegen Krisen, gegen Gefühle – gegen das, was ich nicht wollte. Ich wollte Veränderung, und zwar so schnell wie möglich. Es fühlte sich an, als hätte ich nicht genug Zeit.
Persönlichkeitsentwicklung funktioniert nicht wie ein Leistungsprojekt
Veränderung verläuft nicht linear und sie lässt sich auch nicht planen. Persönlichkeitsentwicklung ist keine To-do-Liste, die man einfach abarbeitet.
Ich habe Methoden gelernt, viele Systeme kennengelernt und geprüft. Vieles davon war wichtig und hat mich tief verändert.
Aber ich habe lange nicht verstanden, dass ich innere Reifung nicht beschleunigen kann.
Innere Entwicklungsprozesse brauchen Zeit. Vieles geschieht im Hintergrund und das Entscheidende ist im Außen oft lange nicht sichtbar.
Die Pause zwischen zwei Atemzügen
Lange Zeit war ich es gewohnt, Konzepten zu folgen. Das zu tun, was „man“ eben macht. Immer wieder wurde mir geraten, das Tempo zu drosseln. Denn das Programm, das ich mir über Jahre antrainiert hatte, war längst zum Selbstläufer geworden.
Das Nicht-Tun habe ich erst im letzten Jahr wirklich gelernt.
Viele anstrengende Projekte waren abgeschlossen und die innere Arbeit, die ich parallel begonnen hatte, begann Wirkung zu zeigen: In mir wurde es ruhiger.
Und dann habe ich losgelassen, was mir am meisten bedeutete: meinen Blog. Den Umbau der Website habe ich auf Eis gelegt und selbst das Schreiben im Notizbuch habe ich sein lassen.
Ich dachte, meine Welt würde zusammenbrechen.
Stattdessen passierte etwas völlig Unerwartetes: Ich bekam mein Leben zurück.
Alles wurde langsamer und ich wurde ruhiger.
Diese Ruhe hatte etwas Stabilisierendes, Kraftvolles in sich, das ich so noch nie erlebt hatte. Und sie veränderte alles – wirklich alles.
Wie eine Pause zwischen zwei Atemzügen.
Wachstum kann man nicht erzwingen
Ich habe gelernt, wie wertvoll – ja, wie entscheidend – Pausen sein können. Heute ist so viel mehr Ruhe in mir und ich habe aufgehört zu kämpfen.
Früher habe ich meinen Widerstand als Stärke empfunden, heute empfinde ich Ruhe als Stärke.
Ich weiß inzwischen, dass ich dem Leben vertrauen kann und dass Wachstum nicht entsteht, wenn ich es erzwinge.
Der Muskel wächst nicht im Training.
Er wächst in der Pause.
Warum sollte es beim inneren Wachstum anders sein?
Persönlichkeitsentwicklung ist ein Prozess der inneren Reifung
Einige meiner Veränderungsprozesse haben lange gedauert – sehr lange. Oft dachte ich, ich sei zu langsam. Erst im Rückblick wird mir klar, dass ich an meiner Identität gearbeitet habe. An meinem Fundament. Und diese Prozesse brauchen Zeit.
Persönlichkeitsentwicklung ist kein Wettlauf, wir Menschen sind keine Maschinen. Und Reifung geschieht nicht nur im Tun, sondern auch im Lassen.
Manchmal – vielleicht sogar vor allem – dort.














Liebe Marita,
beim Lesen deines Artikels musste ich an meine früheren Arbeitstage denken – diese Momente, in denen ich mitten im Büro saß und mich fragte: Muss das Leben eigentlich immer so chaotisch sein? Oder mache ich da etwas grundsätzlich falsch?
Heute bin ich deutlich ruhiger geworden, aber deine Worte haben trotzdem etwas in mir zum Klingen gebracht. Vielleicht gerade deshalb, weil ich diese getriebene Phase kenne, in der Stillstand wie eine persönliche Niederlage wirkte. Dieses Gefühl, dass man nur dann wertvoll ist, wenn man permanent an sich arbeitet, optimiert, vorankommt.
Die Metapher mit dem Muskelwachstum hat einen wunden Punkt getroffen. Niemand trainiert 24 Stunden durch und erwartet dabei Erfolge. Aber beim inneren Wachstum? Da drückten wir gnadenlos aufs Tempo und wunderten uns über die Erschöpfung.
Was du über die Pause zwischen zwei Atemzügen schreibst – dieser Gedanke hat etwas unglaublich Befreiendes. Die Stille ist keine Lücke, die gefüllt werden muss, sondern der Raum, in dem Entwicklung überhaupt erst möglich wird. Das zu verstehen, hat bei mir Jahre gedauert.
Danke für diese kluge Erinnerung, dass Reifung ihre eigene Zeit braucht – ganz ohne unseren hektischen Projektplan.
Viele Grüße
Ron
Danke, lieber Ron.
Zu wissen, dass es anderen ähnlich geht, hat auch für mich etwas sehr beruhigendes. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie die gesellschaftlichen Muster in uns wirken. Keiner ist vermutlich ganz frei davon. Es im Bewusstsein zu haben, ist deshalb wohl der wichtigste Punkt. Ich lerne jeden Tag, dass ich keinen 100-Meter-Lauf machen muss.
Gruß,
Marita
Das Beispiel mit dem Fitness-Studio ist sehr anschaulich – das gibt auch mir zu denken. Wie schon bei deinem Text übers Reifen merke ich, dass auch gerade dann ganz viel passiert, wenn man eben nicht ständig Druck macht. Im Gegenteil, wenn man die Pausen weglässt, ist der Akku irgendwann leer und der Speicher läuft über. An der Umsetzung mal eine Weile nichts umzusetzen arbeite ich gerade noch 😉
Liebe Vanessa,
so ähnlich ging es mir auch und ich kenne diesen ewigen andauernden Druck. Er macht es leider nicht besser. Ich freue mich, dass Du etwas mitnehmen konntest. Dann war mein Schreiben nicht umsonst 😉
Liebe Grüße, Du fleißige Leserin!
Marita