Nach vier Wochen ging mir die Luft aus. Ich hatte alles richtig gemacht: kein externer Druck, keine tägliche Pflicht, meine eigenen Regeln. Und trotzdem stand ich da wie jemand, der ein Rennen läuft und die Kraft falsch eingeteilt hat.
Was ich noch nicht wusste: Das war erst der Anfang.
Ich hatte ein Experiment gestartet – 30 Blogartikel, 60 Minuten Schreibzeit, ganz nach meinem eigenen Rhythmus. Was sich daraus entwickeln würde, hatte ich nicht geahnt. Ich dachte, ich würde das Schreiben neu entdecken. Stattdessen bin ich mir selbst begegnet.
Das hier ist kein Erfolgsbericht. Es ist ein ehrlicher Rückblick auf das, was passiert, wenn man einfach anfängt – und die alten Muster einen einholen.
Wenn innerer Druck entsteht, ohne dass du es selbst merkst
Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich das Tempo, das ich mir selbst auferlegt hatte, nicht halten konnte. Ich wollte meine Schreibgewohnheiten ändern, Konzepte hinter mir lassen und mich neu auf das Schreiben einlassen. Dazu hatte ich das Experiment an meine Bedürfnisse angepasst und einfach losgelegt – ohne zu ahnen, wohin es mich führen würde.
Ich startete mit großer Neugier und noch mehr Motivation. Ich hatte richtig Lust, herauszufinden, was passieren würde. Mein Ziel: in kurzer Zeit möglichst viele neue Erfahrungen zu sammeln. Also gab ich Gas, um Momentum aufzubauen – und um aktiv zu bleiben.
Und dann ging mir nach vier Wochen die Luft aus – bei Blogartikel Nummer 14 war Schluss.
Ich konnte nicht mehr denken und schon gar nicht schreiben. Alles drehte sich nur noch um das nächste Thema. Und genau das wollte ich nicht mehr.
Warum echte Entwicklung Zeit braucht und kein Tempo verträgt
Schreiben unter Zeitdruck ist nichts für mich. Das wusste ich zwar schon vorher, trotzdem wollte ich es probieren. Um eine neue Energie aufzubauen – und zügig Erfolgserlebnisse zu haben.
Inzwischen ist mir klar, wie wichtig Zeit und Ruhe für mich sind, damit Texte entstehen – die so weit ausgereift sind, dass ich sie veröffentlichen möchte. Hektische Schreiberei nimmt mir die Freude am Schreiben selbst.
Die Welt der Autoren, in die ich zwischenzeitlich eingetaucht war, brachte eine völlig neue Gelassenheit in mein Leben. Denn sie sind es gewohnt, dass Texte langsam entstehen und dass Schreiben ein Prozess ist. Dass das, was wir schreiben, immer etwas mit uns selbst zu tun hat – und dass dieser Entwicklungsprozess Zeit braucht.
Mir gab all dieses Wissen die Erlaubnis, mein Tempo zu drosseln. Meine Texte dürfen entstehen. Dürfen reifen – und ich gleich mit.
Der Schock an der Wand: Ich muss nochmal von vorne anfangen
Ich nutzte den Zwischenstopp, für ein erstes Resümee, druckte alle Blogartikel aus und klebte sie an die Wand. Nicht nur, um zu sehen, was ich in kurzer Zeit geschaffen hatte, sondern auch, um zu prüfen, ob ich noch auf dem richtigen Weg war.
Jeden einzelnen Blogartikel las ich laut – und dann kam der Schock.
Jeder Text hatte eine Irritation. Entweder stockte der Fluss, die Logik fehlte – oder noch schlimmer: Ich verstand selbst nicht mehr, was ich mit dem Text sagen wollte.
In diesem Moment brach etwas in mir zusammen.
Wenn meine Texte keine Klarheit hatten, wenn ich selbst nicht verstand, worum es ging, konnte ich das Schreiben auch gleich sein lassen.
Für ein paar Stunden war ich völlig am Boden und stellte alles in Frage. Hatte das Schreiben überhaupt noch Sinn?
Was mir wirklich gefehlt hat
An der Stelle nahm ich ausnahmsweise die KI zur Hilfe, um alle Blogartikel auf Struktur und Logik zu prüfen. Es war eine Mammutaufgabe, alles zu überarbeiten. Und wo ich schon mal im Schwung war, nahm ich gleich noch ein paar alte Blogartikel unter die Lupe.
Dieser Prozess über viele Tage war anstrengend und gleichzeitig klärend. Ich verstand, worum es wirklich ging: Autobiografische Texte tragen ihre Struktur oft in sich, Themen-Texte dagegen brauchen eine bewusste Führung. Und genau damit hatte ich mich nie auseinandergesetzt – weil ich es bisher nicht gebraucht hatte.
Plötzlich ergab vieles Sinn. Auch mein Widerstand gegen Textstrukturen in der Vergangenheit.
Warum das Nervensystem Veränderungen nicht einfach mitmacht
Nach den Wochen des inneren Ringens um meinen neuen Weg, fühlte sich das, was entstanden war, gut und stimmig an. Ich hatte das Gefühl, von hier aus weitergehen zu können.
Bis ich wieder feststeckte und mich überhaupt nicht mehr traute, zu schreiben.
In einem Gespräch mit meinem Mann wurde mir klar, dass ich einen entscheidenden Faktor völlig unterschätzt hatte: mein Nervensystem.
Ich habe mich immer als „anders“ erlebt. Ruhiger, feinfühliger, und wissbegieriger als andere. Meine Interessen lagen oft abseits des Mainstream – und dann hatte ich auch noch verrückte Ideen. Ich wurde nicht immer verstanden – oftmals kritisiert, nicht ernst genommen – oder gar nicht gesehen.
Und jetzt wollte ich plötzlich – im Außen sichtbar – meinen ganz eigenen Weg gehen. Ohne Konzepte und ohne Orientierung im Außen.
Mit einem Nervensystem, das auf Sicherheit und Überleben ausgerichtet ist?
Nope! Keine Chance. Den Drops musste ich erst noch lutschen.
Diese Erkenntnis war unbequem, aber entscheidend. Denn Konzepte geben nicht nur Struktur, sondern auch Sicherheit. Und genau diese Sicherheit wollte ich mir gerade entziehen.
Warum es wichtig ist, dass sich alte Muster zeigen
Was ich erlebt habe, ist kein Fehler im Prozess – es ist der Prozess selbst.
Wenn wir beginnen, uns wirklich zu verändern, verlassen wir nicht nur alte Gewohnheiten, wir verlassen auch innere Sicherheiten.
Und genau dann melden sich die alten Muster zurück. Nicht, weil wir versagt haben, sondern weil uns ein Teil von uns schützen möchte.
Im ersten Moment fühlt sich das an wie ein Rückschritt, doch in Wirklichkeit ist es ein wichtiger Moment, der sichtbar macht, was bis dahin im Hintergrund gewirkt hat.
Den eigenen Weg zu gehen, macht angreifbar
Ich wusste das. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – hat sich etwas in mir geöffnet.
Zum ersten Mal habe ich einen solchen Prozess ganz alleine durchlaufen. Ohne Feedback oder Unterstützung von außen – und ohne klare Orientierung.
Ich bin bei mir geblieben – und habe herausgefunden, was ich wirklich denke. Was ich wirklich will. Was mir wichtig ist – und wie ich meinen Weg gehen möchte.
Das ist neu. Und es fühlt sich richtig an.
Veränderung ist kein Ziel, sondern ein Übungsfeld
Die nächsten 15 Blogartikel sind mein ganz persönliches Übungsfeld. Nicht um perfekt zu werden – sondern um das zu leben, was ich in den letzten Wochen verstanden habe:
Dass Schreiben ein Prozess ist.
Dass Texte reifen dürfen.
Dass Entwicklung Zeit braucht.
Dass ich meine eigene Kuratorin bin.
Das Experiment geht weiter. Und ich gleich mit.













