Ich weiß nicht mehr, wer den Satz gesagt hatte. Aber er blieb mir so sehr im Gedächtnis, dass ich ihn unbedingt aufschreiben musste. Kurz notiert und farbig markiert, damit ich nicht vergesse, mich zu einem späteren Zeitpunkt damit zu befassen.

Ich kann schreiben.

Dieser Satz stand da. Nicht laut. Nicht fordernd. Und gleichzeitig hatte er eine enorme Wirkung auf mich.

Ja, ich kann schreiben, doch es geht um etwas anderes

Natürlich kann ich schreiben. Ich habe es in der Schule gelernt, kistenweise Notizbücher gefüllt und über Jahre hinweg Texte veröffentlicht. Aber es geht auch gar nicht um die grundsätzliche Fähigkeit zu schreiben. Sondern um eine leise, ungestellte Frage:

Reicht das, was aus mir heraus entsteht?

Schreiben ist meine Art, das Leben zu verstehen

Die Themen, die mir begegnen – die Bewegungen, die sie in mir auslösen. Ich schreibe, um Antworten auf meine Fragen an das Leben zu finden.

Ich schreibe, um mich selbst in Beziehung zu setzen – zu dem, was da gerade ist.

Vieles, was ich bei anderen lese, resoniert in mir. Inspiriert mich, bringt mich zum Nachdenken, erweitert meinen Blickwinkel. Und manchmal bringt mich ein einziger Satz einen großen Schritt weiter.

Deshalb teile ich meine Erfahrungen und Erkenntnisse.

Nicht nur deshalb veröffentliche ich die Texte hier auf dem Blog, sondern auch, weil ich fokussierter schreibe, wenn ich weiß, dass dieser Text auch von anderen gelesen werden könnte.

Und gleichzeitig erlebe ich gerade, wie entspannend es ist, nicht zu wissen, ob und wann ich diesen Text überhaupt in die Welt schicke.

Warum ich denke, nicht gut zu schreiben

Wir Menschen sind seltsame Wesen. Auch ich bin nicht frei von Idealisierungen. Lange Zeit hatte ich ein Bild im Kopf: das Bild eines Autors, der sich täglich hinsetzt und schreibt. Stundenlang, mühelos, zielgerichtet und mit druckreifen Texten am Ende.

Natürlich weiß ich, dass das ein Ideal ist, das selten der Realität entspricht.

Ein Bild, das kaum Raum lässt für die Wirklichkeit: für Umwege, Unlust oder Zweifel. Mich an solchen Bildern zu messen, ist wohl destruktiver, als mir bewusst war.

Tatsächlich hatte mich eine solche Idealisierung davon abgehalten, Grafikerin zu werden. Weil offensichtlich kein talentierter van Gogh in mir schlummerte. Damals dachte ich noch, dass Talent etwas ist, das man hat oder eben nicht.

Die Wahrheit über das Schreiben

Die Wahrheit ist weniger glatt. Denn Schreiben macht nicht immer Freude. Noch nicht einmal für die sehr erfahrenen Schreiber, die es seit Jahrzehnten tun. Es gibt Tage, an denen nichts fließt. Und andere, an denen etwas völlig Neues und Überraschendes entsteht.

Denn Schreiben ist nicht nur kreativ und das, was entsteht, kaum steuerbar. Schreiben ist ein Dialog mit unserem Unterbewusstsein. Mit den Ideen und Gedanken, von denen wir noch nichts wissen. Sichtbar werden sie erst durchs Schreiben selbst. Ich finde das sehr faszinierend.

Schreiben wird für mich schwer, wenn es einem Zweck dient

Es gab Phasen, da empfand ich das Schreiben als quälend und mühsam. Besonders dann, wenn es einem Zweck dienen sollte. Wenn es „funktionieren“ musste.

Ich hatte gelernt, wie man „richtig“ schreibt. Konzepte, Strategien und Methoden kennengelernt, mit denen andere erfolgreich sind. Ich habe versucht, ihnen gerecht zu werden, und mich damit so unter Druck gesetzt, dass etwas Wichtiges verloren ging:

Die Leichtigkeit und Freude am Schreiben.

Bisher entwickelten sich die Texte zu einem (oft vorgegebenen) Thema während des Schreibens. Diese Prozesse sind zwar spannend, aber unglaublich anstrengend – und vor allem zeitintensiv.

Der Blick aufs Ergebnis machte es nicht leichter. Und irgendwann dachte ich: Ich mache etwas falsch. Und – du ahnst es – ich kann nicht schreiben.

Dabei wurde ich mit jedem geschriebenen Text besser.

Ich hatte überhaupt nicht gemerkt, dass ich mir durch das jahrzehntelange Schreiben viel Erfahrung und neue Fähigkeiten angeeignet hatte. Vielleicht nicht nach den Maßstäben des professionellen Schreibens, ich will die Kirche im Dorf lassen, aber nach den Maßstäben der Wirksamkeit.

Meine Texte öffnen Räume – auch für mich selbst

Fakt ist: Meine Texte werden gelesen. Das zeigen die Zahlen. Und dass sie etwas bewirken, weiß ich aus Kommentaren und Rückmeldungen. Und genau darum geht es mir.

Natürlich mag nicht jeder meine Texte und das ist vollkommen in Ordnung. Aber Tatsache ist auch: Es gibt Menschen, die sie gerne lesen. Und das allein zählt.

Außerdem – und da will ich ehrlich sein – schreibe ich auch für mich selbst.

Denn Schreiben bringt meinen Geist in Bewegung, schafft Klarheit und neue Blickwinkel. Die Texte im Notizbuch sind sehr viel kürzer, oft bruchstückhaft. Blogtexte öffnen Räume – auch für mich.

Eigentlich wollte ich aufhören

Der Monatsrückblick Dezember sollte der letzte Blogartikel sein. Ich wollte aufhören mit dem Bloggen. Dann kamen die Kommentare. Zum Jahresrückblick und zum Monatsrückblick. Und sie haben mich fast umgehauen.

Denn meine Leserinnen haben in meinen Texten etwas wahrgenommen, was ich selbst nicht sehen konnte.

Ich sage nur: unbewusste Kompetenz.

Sie haben meine Entwicklung gespürt, meine Fähigkeit, Inhalte auf eine besondere Weise zu transportieren. Mir war das überhaupt nicht bewusst und es ist auch nichts, was ich bewusst herstellen könnte.

Sie konnten aus meinen Texten etwas für sich mitnehmen. Und das ist für mich das größte Geschenk.

Ob ich schreiben kann, ist zweitrangig

Es ist wie überall: Es gibt Menschen, die ihr Handwerk gelernt haben und trotzdem ohne Herzblut und talentfrei arbeiten. Und es gibt andere, die keine formale Ausbildung haben – und trotzdem Großartiges schaffen.

Damit breche ich auch gleich einen alten Glaubenssatz auf, der mich lange zurückgehalten hat: Ich brauche eine professionelle Ausbildung, um ein gutes Ergebnis zu erreichen.

Bullshit. Ich habe mir längst das Gegenteil bewiesen – und es wird Zeit, dass ich das anerkenne. Es gibt diesen schlichten, sehr wahren Satz: Schreiben lernt man durch Schreiben. That’s it.

Worum es beim Schreiben wirklich geht

Die Kommentare meiner Leserinnen haben mich tief berührt – und mich zum Weiterschreiben bewegt. Und ich habe erkannt, worum es beim Schreiben wirklich geht: um Verbindung, Begegnung und Austausch.

Ein Ergebnis, das ich übersehen hatte

Jetzt könnte man meinen, dass mich all das nicht weitergebracht hat. Dass die Quälerei umsonst war. Schließlich habe ich keinen Weltbestseller geschrieben, was alle Zweifel ein für alle Mal hinweggefegt hätte.

Und gleichzeitig habe ich etwas erreicht, das mir lange nicht bewusst war: Wirksamkeit.

Wirksamkeit ist einer meiner wichtigsten Werte – und der Grund, warum ich überhaupt schreibe.

Ich kann schreiben. Auf meine ganz eigene und einzigartige Art und Weise.

Und wenn mein Schreiben nicht nur bei mir selbst, sondern auch bei einer einzigen Person etwas bewirkt – dann war es nicht umsonst.

Was Zweifel wirklich sind und wie du damit umgehen kannst

Zweifel nagen an unserem Selbstvertrauen. Gleichzeitig tragen sie Wahlmöglichkeiten in sich. Zweifel sind ein Hinweis darauf, dass etwas in Bewegung ist. Sie entstehen oft dort, wo alte Maßstäbe nicht mehr passen, neue aber noch nicht klar greifbar sind.

Zweifel wollen nicht bekämpft werden. Sie wollen verstanden werden.

Sich bewusst auf die eigenen Zweifel einzulassen, kann sehr lohnend sein. Wenn ich meine alte Haltung „ich kann nicht schreiben“ wandle in „ich kann schreiben“, treffen alte Muster und Gewohnheiten auf eine neue Haltung, der ich noch keine Erfahrungen zugeordnet habe. Deshalb die Zweifel.

Für einen ersten kleinen Schritt genügt es, den Satz einfach ins Gegenteil zu drehen und sich auf den Weg zu machen. Probier’s aus. Und erzähle mir gerne von deiner Erfahrung in den Kommentaren.