Ich weiß nicht, wie lange ich Konzepten und Strukturen gefolgt bin, die für mich überhaupt nicht funktioniert haben. An denen ich gescheitert bin – oder die mich so frustriert haben, dass ich begann, an mir selbst zu zweifeln. Vermutlich könnte ich mit all meinen Versuchen ein ganzes Buch füllen.
Erschwerend kam dazu, dass ich mich aufgrund meiner besonderen Fähigkeiten und Interessen ohnehin schon immer irgendwie falsch gefühlt habe. All diese Versuche schienen diese Annahme nur noch zu bestätigen, so dass ich mich manches Mal wie eine Komplettversagerin gefühlt habe.
Lange dachte ich deshalb, dass die Tipps und Ratschläge für alle anderen funktionieren – nur für mich nicht.
Erst als ich die ersten Bücher gelesen und Menschen kennengelernt hatte, denen es ähnlich ging wie mir, begann sich dieses Bild zu verändern. Trotzdem habe ich, angetrieben von meiner Neugier und meiner Freude an Neuem, immer wieder neue Strategien und Methoden ausprobiert. Und tatsächlich waren in den vergangenen Jahren Ideen dabei, die sehr hilfreich waren.
Mein Schreibtisch: unordentlich. Und trotzdem finde ich immer alles
Bei meiner Verabschiedung aus einem Unternehmen sagte mein damaliger Chef, den ich im Übrigen immer noch sehr schätze, mit einem Augenzwinkern vor versammelter Mannschaft: „Frau Eckmann, ich weiß nicht, wie Sie es geschafft haben, dass immer alles funktioniert hat.“ Ich musste schmunzeln, denn natürlich wusste ich sofort, worauf er anspielte. Während die meisten Schreibtische meiner Kollegen spätestens nach Feierabend ordentlich aufgeräumt waren, lagen meine Unterlagen ordentlich sortiert über den gesamten Schreibtisch verteilt.
Dass wir uns richtig verstehen: Ich liebe aufgeräumte Schreibtische. Aber bei mir hält dieser Zustand höchstens zehn Minuten.
Danach stellt sich ganz automatisch wieder meine gewohnte Ordnung ein. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Was ich nicht sehe, vergesse ich. Papierstapel und Ablagemappen sind für mich deshalb regelrechte Gräber. Gleichzeitig weiß ich trotz meines scheinbaren Chaos jederzeit genau, wo alles liegt, und finde alles innerhalb kürzester Zeit.
Was viele nicht vermuten würden: In meinen Schubladen, Ordnern und Schränken herrscht Ordnung. Alles ist sortiert, beschriftet und hat seinen Platz.
Inzwischen weiß ich, dass ich gar nicht unstrukturiert arbeite. Meine Struktur sieht nur anders aus als die vieler anderer. Sie entsteht – zumindest wenn ich an mehreren Projekten gleichzeitig arbeite – weniger durch äußere Ordnung, als durch eine innere Orientierung.
Mein Schreibtisch muss deshalb nicht perfekt aussehen, er muss für mich funktionieren – und das tut er.
Auch eine Wunschliste ist eine Liste
Was ich sofort und ohne es überhaupt ausprobiert zu haben, verworfen habe, sind To-Want-Listen. Listen mit Dingen, die man erleben oder sich gönnen möchte. Viele Menschen motivieren solche Listen, mich stressen sie.
Schon der Gedanke an eine weitere Liste auf meinem Schreibtisch löst in mir das Gefühl aus, noch mehr erledigen zu müssen.
Dabei spielt es für mein Gehirn überhaupt keine Rolle, ob dort Aufgaben oder schöne Erlebnisse stehen. Es bleibt eine Liste, die abgearbeitet werden will. Und wenn ich mir dafür auch noch Termine setze, kollabiert mein inneres System komplett.
Ich arbeite nach Energie – nicht nach Uhrzeiten
Ähnlich geht es mir mit detaillierten Tagesplänen. Es gibt Menschen, die genau festlegen, wann sie welche Aufgabe erledigen. Ich bewundere das sehr. Aber auch das funktioniert bei mir nicht. Also, überhaupt nicht. Natürlich habe ich Termine im Kalender und natürlich liegt auf meinem Schreibtisch auch eine Aufgabenliste.
Aber wann ich welche Aufgabe erledige, entscheide ich meist intuitiv.
Vor allem bei Arbeiten, die keine feste Deadline haben, hat es sich für mich bewährt, meiner Energie zu folgen. Und da ich in der Regel kaum etwas aufschiebe, bleibt mir auch genügend Zeit zur Erledigung.
Immer wieder habe ich versucht, mich in feste Zeitfenster hineinzuzwingen – und immer wieder bin ich daran gescheitert. Heute weiß ich auch, warum:
Kreativität lässt sich bei mir nicht planen.
Sie erscheint nicht zuverlässig um neun Uhr morgens, nur weil ich das beschlossen habe. Deshalb haben regelmäßige Schreibzeiten oder gemeinsames kreatives Arbeiten in Zoom-Gruppen bei mir nie funktioniert. Es gibt Tage, an denen ich stundenlang kreativ arbeiten kann, weil alles fließt. Das zerschießt mir dann schon mal meine Tagesplanung. Aber es gibt eben auch Tage, an denen nichts entsteht. Früher habe ich dagegen angekämpft, heute versuche ich, diesem Rhythmus zu vertrauen. Noch nicht immer, aber immer öfter.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse war für mich deshalb das Modell des divergenten und konvergenten Arbeitens.
Seitdem erledige ich Routineaufgaben dann, wenn meine Denkenergie nachlässt, und kreative Arbeiten genau dann, wenn mein Kopf frisch und leer ist. Das hat meine Arbeitsweise grundlegend verändert, denn die Arbeit fällt mir nicht nur leichter, ich schaffe auch deutlich mehr.
Challenges wollen bestanden werden. Ich nicht.
30 Tage Plank, zehn Blogartikel in zehn Tagen, jeden Tag eine Zeichnung. Angeblich sollen Challenges produktiver machen – besonders dann, wenn man sie gemeinsam absolviert. Für mich sind sie eher ein Albtraum.
Alles, was mit zusätzlichem „Ich muss“ verbunden ist, setzt mich unter Druck.
Vor allem dann, wenn es gar nicht um etwas geht, das in meinem Leben gerade eine hohe Priorität hat. Ich brauche auch keine Gruppe, um motiviert zu bleiben. Wenn ich mich für etwas entschieden habe, ziehe ich es sowieso durch.
Und trotzdem habe ich mir Anfang des Jahres selbst eine Challenge gesetzt. Ich wollte bewusst ein Momentum aufbauen, um meine Energie hochhalten und der Veränderung einen ordentlichen Schub zu geben. Allerdings ging mir nach der Hälfte der Zeit die Puste aus, weil es für meinen Alltag dann doch zu viel war.
Mein Ziel habe ich trotzdem erreicht, denn ich hatte die Challenge an meine Bedürfnisse angepasst.
Rückblickend würde ich sie allerdings gar nicht mehr Challenge nennen. Sie war viel mehr ein Experiment. Denn Experimente dürfen angepasst, verändert und beendet werden. Challenges wollen bestanden werden. Genau darin liegt für mich der Unterschied.
Ähnlich geht es mir übrigens mit Habit-Trackern. Für viele sind sie eine wunderbare Motivation. Ich vergesse spätestens nach drei Tagen, mein Kreuz zu machen. Wenn ich wissen möchte, wie oft ich beim Sport war, reicht mir ein Blick in meinen Outlook-Kalender vollkommen aus.
Die beste Strategie – für wen?
Ich war viele Jahre im Network Marketing aktiv. Das Schöne an dieser Art der Selbstständigkeit ist, dass man nahezu alles an die Hand bekommt: Strategien, Abläufe, Empfehlungen und Mentoren. Eigentlich perfekte Voraussetzungen, um damit erfolgreich zu werden.
Nur funktionierten manche dieser Strategien weder bei mir, noch bei meinem Team. Also investierte ich viel Geld und Zeit in Seminare und Coachings. Denn ich war überzeugt, dass es irgendwo die Methode gibt, die für uns alle funktioniert. Heute weiß ich, dass genau dieser Gedanke der Fehler war.
Die beste Strategie nützt nichts, wenn sie nicht zu dem Menschen passt, der sie anwendet.
Erst als ich begann, meinen eigenen Weg zu entwickeln, wurde die Arbeit nicht nur leichter, sondern machte auch Freude.
Nicht der Ratschlag war das Problem
Heute gehe ich sehr viel entspannter mit solchen Methoden und Strategien um. Ich habe einfach zu viele davon ausprobiert. Viel Geld in Dinge investiert, die nicht zu mir passten, während andere damit erfolgreich wurden. Das bedeutet aber nicht, dass diese Methoden schlecht sind.
Wir Menschen sind viel zu unterschiedlich, als dass eine einzige Strategie für alle funktionieren könnte.
Wie ließe sich sonst erklären, dass Menschen, mit völlig unterschiedlichen Arbeitsweisen erfolgreich sind? Dass manche ohne minutiöse Planung Höchstleistungen erbringen und andere ohne perfekte Listen den Überblick verlieren würden?
Offensichtlich brauchte ich all diese Erfahrungen, um mehr über mich selbst zu lernen. Lange glaubte ich, ich müsste mich verändern. Heute stelle ich eine andere Frage:
Passt diese Methode zu mir?
Ich bin nach wie vor neugierig und offen für neue Impulse. Der Unterschied ist nur: Ich erwarte nicht mehr, dass die nächste Methode mein Leben verändert. Vielleicht bereichert sie mich. Vielleicht passt sie aber auch einfach nicht zu mir.
Ich habe erkannt, dass ich eine andere Struktur habe, als andere Menschen. Meine Struktur entsteht nicht durch Listen, Challenges oder starre Zeitpläne. Sie entsteht aus meinem Inneren. Deshalb kann ich heute ganz entspannt mit meiner scheinbar chaotischen Arbeitsweise leben. Sie ist kein Zeichen mangelnder Disziplin. Sie gehört einfach zu mir.
Die Blogparade von Antonia Ludwig hat mich zu diesem Blogartikel inspiriert.















Ich musste ein bisschen schmunzeln, denn das „Wir Menschen sind viel zu unterschiedlich, als dass eine einzige Strategie für alle funktionieren könnte.“ lässt sich auch wunderbar auf Teams übertragen. Manche feiern bestimmte Prozesse, andere bekommen davon Albträume. Ich folge schon seit langem der Devise des Rosinenpickens. Was für mein Team oder mich passt, wird übernommen. Der Rest nicht.
Liebe Grüße!