Wenn ich meinem 25-jährigen Ich heute begegnen könnte, würde ich sie wahrscheinlich erst einmal in den Arm nehmen. Nicht, weil ich ihr die vielen Herausforderungen ersparen könnte, die noch vor ihr liegen. Das kann niemand. Und im Rückblick weiß ich auch, dass mich gerade diese Erfahrungen zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin. Aber ich würde ihr etwas sagen, das mir damals niemand gesagt hat:
„Es gibt ein paar Dinge über das Menschsein, die dir bisher niemand erklärt hat. Den Weg kann ich dir nicht abnehmen. Du wirst deine eigenen Erfahrungen machen müssen. Aber vielleicht wird er ein bisschen leichter, wenn du manches früher weißt als ich.“
Es sind keine großen Lebensgeheimnisse, eher leise Erkenntnisse. Dinge, die wir selten in der Schule lernen und über die auch in vielen Familien kaum gesprochen wird. Und doch können sie beeinflussen, wie wir unser Leben erleben.
Das sind meine fünf.
Gefühle sind keine Störung – sie sind ein Kompass
Über Gefühle wusste ich lange erstaunlich wenig.
Bei uns zu Hause habe ich nicht gelernt, wie man mit ihnen umgeht. Traurigkeit, Ärger, Enttäuschung oder Angst hatten keinen wirklichen Platz, und ich fühlte mich damit nicht nur alleine, sondern auch überfordert. Und obwohl ich mich schon mit Anfang zwanzig begann, mich intensiv mit Persönlichkeitsentwicklung, Kommunikation und Psychologie beschäftigte, wollte ich unangenehme Gefühle möglichst schnell wieder loswerden.
Denn ich dachte, mit mir stimmt etwas nicht.
Die anderen schienen ihr Leben mühelos zu meistern. Nur ich weinte, zweifelte oder war überfordert. Also versuchte ich, diese Gefühle zu verdrängen, sie wegzuarbeiten oder möglichst schnell wieder „gut drauf“ zu sein. Heute sehe ich das völlig anders.
Gefühle sind keine Schwäche. Sie sind auch keine Fehler im System. Sie sind Hinweise.
Sie zeigen mir, dass etwas in meinem Leben Aufmerksamkeit braucht. Dass vielleicht eine Grenze überschritten wurde, dass ein Bedürfnis unerfüllt ist, dass etwas nicht mehr zu mir passt oder mich einfach etwas berührt oder bewegt.
Vor allem habe ich gelernt, dass Gefühle nicht gefährlich sind.
Sie dürfen da sein. Sie wollen gefühlt werden – und sie gehen auch wieder. Ich hätte mir gewünscht, das früher zu wissen, denn es hätte mir viele Jahre des Zweifelns und des inneren Kampfes erspart.
Zeit für Entspannung: Das Leben geschieht nicht nur im Tun
Mit Pausen, mit Ruhe und Entspannung, konnte ich mein Leben lang nicht gut umgehen.
Vielleicht, weil mein Leben so unglaublich herausfordernd war. Vielleicht auch, weil ich gelernt hatte, dass Leistung wichtiger ist als Erholung. Pausen – oder überhaupt Zeiten des Nichtstuns – lösten in mir fast immer ein schlechtes Gewissen aus.
Habe ich genug getan? Darf ich mich jetzt wirklich ausruhen? Muss ich nicht eigentlich noch was erledigen?
Vielleicht lag das auch am Familienunternehmen, in dem ich aufwuchs. Ich mag die Verbindung von Arbeit und Leben bis heute, doch der Aufbau des Unternehmens kostete meine Eltern viel Energie, die ihnen für anderes fehlte.
Gleichzeitig beobachtete ich Menschen, die sich ganz selbstverständlich zum Beispiel mitten in der Woche mit Freunden auf einen Kaffee trafen. Für mich war das ganz lange kaum vorstellbar. Und weil mein Leben so schwierig war, machte ich mich auf die Suche nach Lösungen. Statt im Urlaub, besuchte ich Seminare. Ich nutzte jede freie Minute dafür, neue Bereiche zu entdecken, damit mein Leben zumindest eine Chance hatte, besser zu werden.
Interessanterweise konnte ich durchaus entspannen – nur eben anders.
Wenn ich mit mir alleine war. Wenn ich las, schrieb, zeichnete oder neue Themenbereiche eroberte, wurde mein Leben lebendig – und mein Verstand leise. Dann war ich ganz im Moment – ganz bei mir selbst. Das klassische Nichtstun dagegen wollte mir nie so recht gelingen. Und lange dachte ich, auch damit sei etwas nicht in Ordnung.
Heute weiß ich, dass Regeneration viele Gesichter hat.
Und noch etwas habe ich verstanden: Nicht nur dann passiert etwas, wenn wir etwas tun. Das Leben geschieht, auch wenn ich nichts mache. Während wir scheinbar nichts leisten, sortiert sich innerlich oft mehr, als wir bewusst wahrnehmen. Ideen reifen. Erfahrungen setzen sich. Neue Kraft entsteht.
Ich hätte gern früher gewusst, dass das Leben auch in den Pausen geschieht und mir ein bisschen mehr Zeit zum Leben genommen.
Gute Kommunikation beginnt bei mir selbst
Kommunikation erschien mir früher wie etwas, das andere einfach konnten.
Ich dagegen wusste oft nicht, wie ich mich ausdrücken sollte. Konflikte überforderten mich, Kritik fühlte sich wie eine Katastrophe und ein persönlicher Angriff an. Unausgesprochene
Spannungen machten mir Angst – und Konflikte erst recht.
Gerade die schwierige Zeit im Familienunternehmen wurde deshalb zu meiner größten Schule, denn all die unausgesprochenen Annahmen und Konflikte kamen plötzlich im gemeinsamen beruflichen Tun an die Oberfläche.
Und statt sie weiterhin zu unterdrücken, brachte ich sie auf den Tisch und stiftete damit ordentlich Unfrieden. Aber ich konnte nicht mehr still sein, suchte nach Klärung, wollte die Zusammenhänge verstehen. Die Zeit des Ausweichens war vorbei – zum Leidwesen meiner Eltern. Dabei lernte ich viel über Kommunikation.
Ich habe wahnsinnig viele Bücher über dieses Thema gelesen, habe Seminare besucht und begann zu verstehen, dass Kommunikation gar nicht so viel mit den richtigen Worten zu tun hat, sondern mit mir selbst und meiner inneren Haltung.
Kommunikation beginnt bei mir selbst.
Erst wenn ich mich selbst und meine Gefühle verstehe, kann ich sie ausdrücken. Erst wenn ich weiß, was mir wichtig ist, kann ich dafür einstehen. Erst wenn ich erkenne, dass andere Menschen ihre eigene Wirklichkeit haben, kann ich wirklich zuhören.
Diese Erkenntnis hat mein Leben verändert.
Nicht, weil plötzlich alle Konflikte verschwanden. Sondern weil ich gelernt habe, sie anders zu führen. Klarer, ehrlicher – und gleichzeitig respektvoller.
Kommunikation ist für mich heute keine Technik mehr. Sie ist eine Haltung. Und das Wissen darüber finde ich nach wie vor wichtig fürs Leben.
Die wichtigste Verbindung ist die zu mir selbst
Es ist erstaunlich leicht, sich selbst zu verlieren.
Nicht von heute auf morgen. Sondern vollkommen unbemerkt – Schritt für Schritt. Ich weiß nicht, wodurch das bei mir entstand. Oftmals waren mir die Erwartungen anderer wichtiger als meine eigenen. Ich orientierte mich an den Menschen, denen das Leben zu gelingen schien. Vielleicht, weil mein Leben ein einziges Durcheinander war und ich das Gefühl hatte, dass nichts richtig klappt.
Und so versuchte ich, Vorbildern nachzueifern. Wegen zu Folgen, die vernünftig erschienen. Weil man das eben so macht. Ohne zu bemerken, ob die eigentlich zu mir passen.
Okay, ich habe schon gemerkt, dass mich das alles nicht happy macht, und im Hintergrund das gelebt, was für mich wirklich bedeutsam ist. Das Gefühl, etwas falsch zu machen, blieb trotzdem – und es hat sich erst in den letzten Jahren wirklich verändert.
Ich hätte gern früher gewusst, wie wichtig diese innere Verbindung ist. Immer wieder innezuhalten und mich zu fragen: Ist das wirklich meine Wahrheit? Will ich das – oder glaube ich nur, dass ich es wollen müsste?
Viele Entscheidungen entstehen nicht, weil wir es nicht besser wissen. Sie entstehen, weil wir den Kontakt zu uns selbst verloren haben.
Heute weiß ich, dass diese Verbindung nichts Selbstverständliches ist. Sie braucht Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit – und manchmal auch Mut. Aber sie ist die Grundlage für so vieles.
Denn wenn ich mit mir selbst verbunden bin, treffe ich stimmigere Entscheidungen. Dann werden Gefühle verständlicher, Kommunikation klarer und auch Pausen leichter.
Anders bedeutet nicht falsch
Lange dachte ich, mit mir stimmt etwas nicht.
Ich war schüchtern. Sensibel. Ich weinte schnell. Ich war schon immer gern alleine. Ich liebe die Zeit mit mir und ich brauche sie sogar. Zum Auftanken. Zum Kraft schöpfen – und um mich mit mir selbst zu verbinden.
Vieles dagegen, was andere interessierte, langweilte mich. Und die wenigsten konnten mit meinen eher stillen Interessen etwas anfangen. Viele hatten sogar Angst, sich mit dem auseinanderzusetzen, was mich beschäftigte: Herausforderungen.
Doch mich faszinierte das Menschsein. Wahrscheinlich aus der persönlichen Geschichte heraus. Ich wollte immer verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Was das ganze Tohuwabohu eigentlich mit mir zu tun hat – und wie ich etwas daran ändern kann.
Und weil ich auch oft den Eindruck hatte, anders zu sein, glaubte ich irgendwann, falsch zu sein.
Erst viele Jahre später begegnete ich Menschen, Büchern und Gedanken, die mir zeigten, dass es vielen ähnlich geht. Heute sprechen wir von Hochsensibilität, Introvertiertheit, Sensitivität, Hochbegabung, Scannerpersönlichkeiten – um nur einige Beispiele zu nennen. Damals gab es dafür keine Bezeichnungen.
Inzwischen habe ich diese Schubladen wieder verlassen und verstanden, wie einzigartig wir Menschen wirklich sind. Jeder hat seine ganz eigene Bauweise. Wir nehmen unterschiedlich wahr. Wir denken unterschiedlich. Wir fühlen unterschiedlich. Und genau das macht unsere Vielfalt aus.
Wir müssen nicht gleich sein, um miteinander verbunden zu sein. Im Gegenteil. Vielleicht entsteht echte Verbindung genau dort, wo wir aufhören, einander gleich machen zu wollen.
Was ich meinem jüngeren Ich heute sagen würde
Wenn ich heute noch einmal vor meiner 25-jährigen Version stehen könnte, würde ich ihr wahrscheinlich sagen: Du bist nicht falsch. Du musst deine Gefühle nicht bekämpfen. Du musst dir Pausen nicht verdienen. Lerne, mit dir selbst verbunden zu bleiben. Und hab keine Angst davor, anders zu sein.
Den Weg würde ich ihr trotzdem nicht abnehmen.
Denn vieles lässt sich nicht erklären, es will erlebt werden.
Aber vielleicht würde sie an der einen oder anderen Weggabelung einen Moment länger innehalten. Vielleicht würde sie sich selbst etwas freundlicher begegnen. Vielleicht würde sie manches früher erkennen.
Und vielleicht ist das auch der eigentliche Grund, warum ich heute schreibe.
Nicht, weil ich Antworten auf alles habe. Sondern weil ich mir damals jemanden gewünscht hätte, der mir sagt: „Das, womit du gerade ringst, gehört zum Menschsein. Du bist damit nicht allein, und mit dir ist auch nichts falsch.“
Vielleicht ist genau das das Wertvollste, was wir einander mitgeben können.
Dieser Blogartikel entstand im Rahmen der Blogparade von Birgit Ising und es war mir ein großes Vergnügen, mich darauf einzulassen.














