Kennst du etwas, das du eigentlich lernen, verändern oder endlich angehen möchtest – und trotzdem tust du es nicht? Nicht, weil es dir unwichtig wäre oder du zu faul, zu undiszipliniert oder zu wenig motiviert wärst. Sondern weil du irgendwann eine unangenehme Erfahrung gemacht hast, die dich davon abhält.
Manchmal reicht ein einziger Moment.
Ein Misserfolg, eine peinliche Situation oder ein Moment der Überforderung, und wir beginnen auszuweichen. Genau das ist mir beim Zeichnen passiert und es gilt auch für alle anderen Bereiche des Lebens.
Wenn Motivation auf Realität trifft
Der Tag war fast vorbei und ich wollte noch eine kleine Teepause machen. Ich hatte noch nichts gezeichnet und war kurz davor, es auch zu lassen und dem Thema Perspektive, das ich mir zum Ziel gesetzt hatte, erneut auszuweichen. Ich schaute auf den Schreibtisch, an dem ich saß, und dachte: Jetzt. Nicht nachdenken, sondern machen. Jetzt. Sofort.
Seit ich wieder zeichne, habe ich beschlossen, mich dem unangenehmsten Thema zu widmen, das es für mich gibt: dem perspektivischen Zeichnen. Es frustriert mich nicht nur ein bisschen, sondern richtig. Denn ich habe es – trotz diverser Bücher – nie richtig verstanden.
Perspektive gehört zu den Dingen, die unglaublich logisch erscheinen, solange man anderen dabei zusieht. Sobald man jedoch selbst den Stift in die Hand nimmt, passiert etwas Merkwürdiges: Die Linien laufen in die falsche Richtung, Proportionen stimmen nicht. Das Gezeichnete sieht völlig anders aus als das, was man sieht. Ich zeichne dann aus dem Verstand heraus, statt wirklich hinzuschauen.
Und plötzlich wird aus einer einfachen Übung eine echte Herausforderung. Eine, der ich schon vor zehn Jahren ausgewichen bin und mich immer noch dabei erwische.
So wie wir vielen Dingen ausweichen – meist unbewusst –, die uns eigentlich wichtig sind.
Wir wollen sie tun, sie sind uns wichtig – und wir wissen sogar, dass sie uns weiterbringen. Und trotzdem büchsen wir aus und machen stattdessen etwas anderes.
Viele Projekte scheitern nicht daran, dass uns etwas nicht wichtig genug ist. Sie scheitern am ersten ernsthaften Widerstand.
Wir starten voller Motivation.
Wir melden uns im Fitnessstudio an, beginnen mit einem Buchprojekt, wollen eine neue Sprache lernen oder endlich die Dinge angehen, die uns am Herzen liegen. Am Anfang erscheint alles easy. Allein die Vorstellung begeistert uns und wir freuen uns auf all die Möglichkeiten, die vor uns liegen.
Und dann kommt der Moment, wo unsere Pläne Realität werden.
Wir machen Fehler und kommen nicht so schnell voran, wie erhofft. Etwas funktioniert nicht. Es wird unbequem und wir fühlen uns unwohl. Und genau dort beginnt das eigentliche Lernen.
Widerstand bedeutet nicht, dass etwas falsch ist
Leider interpretieren wir diesen Moment häufig falsch. Wir glauben, dass der Widerstand ein Zeichen dafür ist, dass etwas nicht passt. Dass wir auf dem falschen Weg sind. Dass wir vielleicht nicht talentiert genug sind – oder nicht diszipliniert genug. Nicht motiviert genug.
Dabei zeigt der Widerstand oft nur eines: Wir betreten gerade Neuland.
Einen erfahrungsfreien Bereich. Etwas, was wir noch nicht können und das wir erst noch lernen müssen. Und genau deshalb fühlt es sich nicht nur unbequem an, wir spüren auch die Unsicherheit in uns.
Warum ich zehn Jahre lang ausgewichen bin
Eigentlich gehöre ich nicht zu den Menschen, die ausweichen. Im Gegenteil. Normalerweise nehme ich Hürden mit viel Schwung. Warum ich dem Thema des perspektivischen Zeichnens trotzdem ausgewichen bin?
Weil es nie nur um Perspektive ging.
Als ich vor über zehn Jahren mit dem Zeichnen begann, besuchte ich im Rahmen einer Veranstaltung eine Session, bei der es um Perspektive ging. Und so saß ich mit den anderen Teilnehmern auf einer Treppe am Königsplatz, um die beeindruckenden Gebäude vor uns zu zeichnen.
Ich erinnere mich noch heute an die Gefühle der Ohnmacht und Überforderung.
Denn während die Skizzen der anderen Gestalt annahmen, bekam ich das, was ich sah, einfach nicht aufs Papier. Egal, wie sehr ich mich bemühte, das Ergebnis sah nicht annähernd so aus wie das, was ich vor mir sah. Ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen.
Ab diesem Zeitpunkt bin ich nicht den Motiven ausgewichen, sondern den damit verbundenen unangenehmen Gefühlen.
Dieses Ausweichen hat mich enorm viel Energie gekostet.
Und so wurde aus einer einzigen kleinen Erfahrung ein Bogen, den ich fast zehn Jahre lang um dieses Thema machte.
Die offene Tür, an der wir immer wieder vorbeilaufen
Vielleicht kennst du das auch: eine einzige Situation, ein kleiner Moment des Scheiterns. Eine Kritik, ein peinlicher Augenblick, eine Enttäuschung. Frust. Und plötzlich vermeiden wir etwas über Jahre hinweg, ohne es wirklich zu bemerken. Das Verrückte daran: Der Wunsch verschwindet nicht. Er tritt nur in den Hintergrund. Wie eine offene Tür, an der wir immer wieder vorbeilaufen.
Wir möchten eigentlich zurückkehren, aber wir tun es nicht. Bis wir irgendwann eine neue Chance bekommen.
Der Moment, in dem sich etwas verändert hat
An diesem Abend setzte ich mich an den Schreibtisch und beschloss, trotzdem zu zeichnen. Irgendwas. Mein Blick fiel auf den Schreibtisch vor mir. Nichts Spektakuläres. Ein Stück Alltag. Ein Motiv, zu dem ich eine Verbindung hatte. Also begann ich – zögerlich und vorsichtig.
Und dann passierte etwas Überraschendes.
Die Perspektive war immer noch schwierig, die Herausforderung war dieselbe. Aber mein Widerstand war wie weggeblasen. Nicht weil die Aufgabe leichter geworden wäre, sondern weil ich intuitiv einen neuen Zugang gefunden hatte.
Ich hatte nämlich zwei Faktoren entdeckt, die es mir leicht gemacht hatten: ein Motiv, zu dem ich einen Bezug hatte, und das Vorzeichnen mit dem Bleistift, mit dem sich Fehler leicht korrigieren ließen. Tatsächlich hatte ich mir das Vorzeichnen in meiner ersten Zeichenphase nicht erlaubt.
Nicht mehr kämpfen, sondern die Bedingungen verändern
Plötzlich war es leicht, denn es ging nicht mehr darum, gegen einen inneren Widerstand zu kämpfen, sondern darum, mir die Bedingungen zu schaffen, unter denen Lernen überhaupt möglich wird. Das war für mich eine wichtige Erkenntnis.
Vielleicht stellen wir uns die falsche Frage:
- Nicht: Wie zwinge ich mich dazu, dranzubleiben?
- Sondern: Was brauche ich, damit ich mich dieser Herausforderung zuwenden kann?
Das ist ein großer Unterschied. Denn plötzlich geht es nicht mehr um Selbstdisziplin oder Selbstüberwindung, sondern darum, einen Zugang zu finden, der Lernen ermöglicht.

Fehler zeigen uns, was wir noch nicht sehen
Deshalb ist es so wichtig, zügig in die Umsetzung zu gehen und sich immer wieder mutig zu trauen. Denn solange etwas nur im Kopf stattfindet, können wir nicht erkennen, wo das eigentliche Problem liegt. Es heißt nicht umsonst „Schreiben lernt man durch Schreiben“ und „Zeichnen lernt man durch Zeichnen“. Erst durch das Tun wird sichtbar, welche Linie falsch verläuft, welche Proportion nicht stimmt oder welche Annahme ungenau war.
Das gilt nicht nur fürs Zeichnen, es gilt für nahezu alles im Leben.
Viele Menschen warten auf Sicherheit, auf Klarheit – den perfekten Plan. Doch die meisten Erkenntnisse entstehen nicht vor dem ersten Schritt, sondern durch den ersten Schritt. Und den zweiten und dritten.
Fehler sind deshalb kein Beweis für die eigene Unfähigkeit. Sie sind Informationen und sie zeigen uns, wo wir noch etwas lernen dürfen.
Entschlossenheit fühlt sich anders an, als wir denken
Und vielleicht war das die größte Erkenntnis des Abends. Früher hatte Entschlossenheit für mich etwas Kämpferisches, etwas Hartes. Es bedeutete für mich, die Zähne zusammenzubeißen, mich zu überwinden – und Durchhalten um jeden Preis.
Durch dieses Ereignis ist mir bewusst geworden, dass es auch anders geht.
Entschlossenheit kann auch leise sein, sich weich anfühlen. Es bedeutet für mich, ruhig zu bleiben. Freundlich und geduldig mit mir selbst zu sein.
Sie zeigt sich darin, immer wieder zurückzukommen. Mich erneut mit etwas auseinanderzusetzen. Noch einmal üben. Nicht, um mich zu zwingen, sondern weil ich weiß, dass etwas Wertvolles auf der anderen Seite des Widerstands wartet.
Das eigentliche Geheimnis des Dranbleibens
Das Schönste an diesem Abend war übrigens nicht die Zeichnung. Sie war weder perfekt noch besonders spektakulär. Doch für mich war sie ein Meilenstein und ich hatte noch Stunden später Glücksgefühle in mir. Und die Zuversicht, dass ich das Thema Perspektive jetzt schaffen kann.
Weil ich verstanden habe, dass es Bedingungen gibt, die das Lernen erleichtern, und dass es darum geht, meinen ganz persönlichen Zugang zu finden.
Weil aus Frust Neugier wurde und aus Widerstand Bewegung.
Vielleicht macht mich diese Erfahrung auch deshalb so glücklich, weil ich nach zehn Jahren zum ersten Mal das Gefühl habe, mich diesem Thema angstfrei nähern zu können. Das perspektivische Zeichnen ist nicht leichter geworden, aber machbarer. Auch, weil ich über die Jahre gelassener wurde.
Vielleicht liegt darin das eigentliche Geheimnis des Dranbleibens:
Nicht dranzubleiben, um uns anzutreiben und gegen uns zu kämpfen. Sondern dranbleiben, um Wege zu finden, die uns lebendig machen. Um zu lernen, Herausforderungen auf unsere ganz eigene Art zu meistern. Weil wir entdecken, was wir brauchen, um weiterzugehen und unsere Ziele zu erreichen.
Und manchmal wartet auf der anderen Seite eines überwundenen Widerstands nicht nur Fortschritt, sondern etwas viel Wertvolleres: Freude und neues Selbstvertrauen.
Und das stille Glück, zu spüren, dass wir uns selbst nicht aufgegeben haben.














