Manchmal frage ich mich, wie viele Entscheidungen in meinem Leben eigentlich echte Entscheidungen waren. Denn wenn ich zurückblicke, entdecke ich überall denselben Satz: Ich muss.
Ich muss arbeiten.
Ich muss durchhalten.
Ich muss mich kümmern.
Ich muss weitermachen.
Dieser Satz begleitete mich über Jahrzehnte. So selbstverständlich, dass ich ihn kaum mehr bemerkte. Erst als dieses alte Programm langsam brüchig wurde, begann ich zu erkennen, wie oft ich Dinge tat, weil ich glaubte, keine Wahl zu haben.
Wie das „Ich muss“ in mein Leben kam
Dieses Pflichtprogramm kam nicht von ungefähr. Ich wurde von einer Generation erzogen, die – geprägt von ihrer eigenen Geschichte – gelernt hatte, ihre Pflicht zu erfüllen. Vor allem aber hatte sie gelernt, sich anzupassen und bloß nicht aufzufallen. Sie hatte zu funktionieren. Egal, was um sie herum gerade los war. Und je herausfordernder es war, umso wichtiger war es, Haltung zu bewahren.
Meine Eltern haben ein Unternehmen aufgebaut. Sie waren nicht nur fleißig, sie haben – so sehe ich das heute – für die Pflicht, dieses Unternehmen zu erhalten und wachsen zu lassen, große Teile ihres Lebens aufgegeben. Zumindest erschien es mir so.
Für Freude, für Entspannung und alles, was mit Vergnügen zu tun hatte, war kaum Zeit. Einzig die Samstags- und Sonntagnachmittage waren frei von Arbeit und Pflicht. Ansonsten wurde gearbeitet. Tag und Nacht.
Ich bin diesem Modell gefolgt, und habe es für mein Leben übernommen.
„Ich muss“ wurde nicht nur zu einem Lebensmantra, es passte auch hervorragend zu meinem eigenen Pflichterfüllungsprogramm. Zu meiner Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit – und vor allem der Angewohnheit, andere wichtiger zu nehmen als mich selbst.
Während ich das schreibe, komme ich mir vor wie jemand, der aus dem 19. Jahrhundert berichtet, in dem Pflichterfüllung zum guten Ton gehörte.
Als das Müssen in meinem Leben hilfreich war
Im Rückblick kann ich sehen, wie mir dieses „Ich muss“ geholfen hat, mein herausforderndes Leben zu managen und zu überleben. Es wurde zu einem Funktions- und Kompensationsprogramm, das mich all das Schwierige und Schmerzhafte hat bewältigen lassen.
Hätte das alles so sein müssen? Wahrscheinlich nicht.
Wäre ich eine andere Persönlichkeit gewesen, dann wäre ich vielleicht ausgebrochen. Hätte nach einigen Wochen meinen Eltern den Vogel gezeigt, hätte frohen Mutes das elterliche Unternehmen verlassen und meinen eigenen Weg gesucht. Einen vermeintlich leichteren.
Vielleicht hätte ich dann meinen Mann gar nicht getroffen, den ich bei einer Ausbildung kennenlernte. Ich hätte vielleicht keine schwierigen Zeiten erlebt und mich nicht durch ein herausforderndes gemeinsames Leben gearbeitet. Vermutlich wäre ich keine Coach geworden und ich wäre heute eine andere.
Aber ganz ehrlich: Ich hatte nicht die Persönlichkeit, auf diese Weise auszubrechen. Und vielleicht war das am Ende auch gut so, wenn ich sehe, wo ich heute stehe.
All diese Entscheidungen entsprangen keinem inneren „Ich muss“, sondern manchmal einer Intuition. Einem inneren Wissen, dass dieser Weg zu gehen ist. Ich bin in dieser fordernden Beziehung geblieben, weil es manchmal keinen alternativen Weg gab. Aber auch, weil ich mich immer wieder neu dafür entschieden habe. Weil ich beschlossen hatte, daran zu wachsen und mich als Mensch weiterzuentwickeln.
Und weil es neben dem „Ich muss“ noch etwas anderes gab: Ja, ich mache das. Trotzdem.
Trotzdem, dass es schwierig ist.
Trotzdem, dass ich es mir anders gewünscht hätte.
Trotzdem, dass mir andere davon abraten.
Vielleicht, weil mir die Spiritualität gezeigt hat, dass es nicht immer Sinn macht, Herausforderungen aus dem Weg zu gehen. Weil sie durch die Hintertür sowieso wieder ins Leben kommen.
Die Befreiung: Als das alte Programm zu eng wurde
Vor ein paar Jahren begann sich etwas zu verändern. Nicht durch ein einschneidendes Lebensereignis. Dieses Mal gab es weder einen großen Knall, noch eine Katastrophe und erst recht keinen Zusammenbruch.
Der Wandel schlich sich heimlich, still und leise in mein Leben. Na ja, nicht ganz, denn ich habe mich in den letzten Jahren tief auf die Bewusstseinsentwicklung eingelassen. Und dann kam – als sichtbarer Wendepunkt – die Blogpause.
Bis dahin hatte das Schreiben eine zentrale Rolle in meinem Leben eingenommen. Das „ich muss“ war hier sehr präsent – und vor allem für mich selbst spürbar. Die Programme, die mich jahrzehntelang getragen hatten, wurden mir hier deutlich vor Augen geführt.
Was einmal mit Leichtigkeit und Freude begonnen hatte, wurde zu einer Pflicht, die mich zunehmend stresste.
Die Freiheit, neu zu wählen
Heute sehe ich, wie sehr mein Leben durchwoben war von „ich muss“, und es weicht zunehmend einem „ich muss gar nichts“, oder wie die liebe Silke so schön sagt: „Einen Scheiß muss ich“.
Wie ich das mache? Mit viel Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und mit Wahlmöglichkeiten, die ich vorher nicht hatte. Jetzt kann ich wählen: Muss ich? Kann ich? Möchte ich? Oder vielleicht auch nicht.
Es gibt nicht mehr viele familiäre Verpflichtungen, und ja, ich kümmere mich um meine Mutter. Und ja, es ist in gewisser Weise ein „ich muss“. Und doch möchte ich es tun, das war für immer für mich klar. Ich mache es auf meine Art und so, wie es mir möglich ist.
Es gibt vieles, was wir meinen tun zu müssen.
Wenn wir ganz genau hinschauen, können wir sehen, dass nicht jedes „Ich muss“ wirklich eines ist.
Muss ich heute wirklich kochen? Nein. Ich kann auch ein Brot essen. Muss ich wirklich die Pflanzen umtopfen? Nein muss ich nicht. Kann ich auch morgen machen. Aber ich kann das alles. Wenn ich möchte.
Hinter jedem „Ich muss“ steckt eine Entscheidung
Das Muss nimmt uns die Entscheidung ab. Es klingt zunächst bequem, denn wir müssen nicht mehr prüfen, was wir wirklich wollen. Gleichzeitig geben wir damit Verantwortung ab. Wir rutschen leicht in die Rolle des hilflosen Opfers: Ich kann ja nicht anders. Oder wir werden rebellisch und tun das Gegenteil. Auch das ist keine wirkliche Freiheit.
Wenn wir das alte Programm hinter uns lassen möchten, gilt es, Selbstverantwortung zu übernehmen – für uns selbst und unsere Bedürfnisse. Dann geht es darum, herauszufinden, wer ich bin, was ich möchte und was meiner inneren Wahrheit wirklich entspricht.
Denn sich einem Muss zu widersetzen, birgt neue Risiken, deren wir uns zumindest bewusst sein sollten. Vor allem, wenn wir durch unsere neue Reaktion im Umfeld auf Unverständnis stoßen.
Warum wir das „Ich muss“ nicht für immer aus unserem Leben verbannen können
Ich habe beschlossen, zwei Jahre Auszeit zu nehmen. Vom Pflichtprogramm – und vor allem vom Müssen. Und ich gebe zu, dass diese 180-Grad-Wende gar nicht so einfach ist. Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich ins „Ich muss“ rutsche, und ich brauche noch Zeit, um es zu bemerken und dann neue Entscheidungen zu treffen.
Ein kleines Beispiel. Seit das Schreiben in den Hintergrund getreten ist, zeichne ich wieder. Ich brauche diesen kreativen Raum, denn er hat für mich etwas Meditatives.
Eigentlich verfolge ich damit kein Ziel. Aber das stimmt natürlich nicht, denn dieses Mal möchte ich, dass mir das Zeichnen Freude macht. Und das tut es nur, wenn es mir leichtfällt. Und für Leichtigkeit braucht es Routine – sprich: Übung. Viel Übung. Und an der Stelle schleicht sich gerne ein Muss ein: Ich muss jeden Tag zeichnen. Ich muss das so oder so machen. Ich muss, ich muss, ich muss.
Ich habe gelernt, aufmerksam zu sein: Was passiert hier gerade? Macht mir das Zeichnen noch Freude? Und ja, manchmal mache ich auch Dinge, die anstrengend sind und mich Überwindung kosten.
Doch das empfinde ich nicht als „ich muss“, sondern als „ich möchte“, und das fühlt sich völlig anders an.
Übrigens hat auch das Schreiben eine neue Qualität bekommen. Seit ich die Konzepte und Strukturen hinter mir gelassen habe, gibt es auch hier kein Pflichtprogramm mehr. Was jetzt an Blogartikeln entsteht, entsteht aus einer neuen Freude und Lust am Schreiben. Dann, wenn gerade ein Thema da ist. Wenn mich etwas neugierig macht. So wie diese Blogparade von Silke Geissen.
Also ja, einen Scheiß muss ich.
Ich muss gar nichts. Aber ich darf. Ich sollte und vielleicht will ich.
Wenn wir uns bewusst sind, dass wir das entscheiden dürfen, haben wir schon einen großen Schritt in die innere Freiheit gemacht.














