Im Frühjahr letzten Jahres habe ich einen Blogartikel über meine drei wichtigsten Werte geschrieben: Wirksamkeit, inneres Wachstum und Authentizität.
Heute – gut ein Jahr später – haben sich diese Werte verändert. Nicht, weil die Werte falsch gewesen wären. Ganz im Gegenteil. Sie haben mich viele Jahre getragen und waren genau die Werte, die zu mir und meinem Leben passten.
Doch inzwischen hat sich etwas verändert. Im Frühjahr dieses Jahres fand in meinem Leben eine tiefe innere Transformation statt. Sie kam nicht laut, sondern leise. Gleichzeitig sind ihre Auswirkungen für mich deutlich spürbar und ich bin immer noch dabei, täglich neue Facetten zu entdecken. Dabei wurde sichtbar, was ich eigentlich längst wusste:
Unsere Werte verändern sich mit unserer Entwicklung.
Sie spiegeln nicht nur wider, wer wir sind, sondern auch, welche Lebensaufgabe gerade im Mittelpunkt steht.
Werte sind mehr als schöne Worte
Werte spiegeln meine innere Haltung wider. Sie bestimmen, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Sie beeinflussen meine Entscheidungen, Beziehungen und mein Verhalten. Oft merke ich erst dann, wie wichtig mir ein Wert ist, wenn er verletzt wird.
Warum ärgert uns Unzuverlässigkeit? Warum können manche Menschen Ungerechtigkeit kaum aushalten? Warum reagieren wir so unterschiedlich auf dieselbe Situation?
Die Antwort liegt häufig in unseren Werten, denn sie sind eine Art innerer Kompass. Und gleichzeitig können sie sich während des Lebens verändern. Manche begleiten uns über Jahrzehnte. Andere treten in den Hintergrund, sobald wir eine bestimmte Entwicklungsphase abgeschlossen haben.
Genau das darf ich in diesem Jahr erleben.
Die Werte, die mich durch mein bisheriges Leben getragen haben
Wenn ich heute auf meine früheren Werte schaue, erkenne ich, wie sehr sie zu meinem bisherigen Leben passten.
Der Wert Wirksamkeit stand ganz oben auf meiner Liste. Ich wollte etwas bewegen, etwas verändern. Nicht nur in der Welt, sondern auch in meinem eigenen Leben. Nach vielen Jahren voller Krisen und Herausforderungen war Veränderung für mich Hoffnung. Jede Erkenntnis, jeder Entwicklungsschritt brachte mich dem Leben näher, nach dem ich mich so lange gesehnt hatte.
Inneres Wachstum war der Motor dahinter. Ich wollte verstehen, was das, was in meinem Leben passierte, bedeutete. Ich wollte mich weiterentwickeln, Zusammenhänge erkennen und aus meinen Erfahrungen möglichst viel lernen.
Und Authentizität? Sie war mein Weg heraus aus der Anpassung. Viele Jahre hatte ich versucht, Erwartungen zu erfüllen und dazuzugehören. Authentisch zu werden bedeutete für mich, Schritt für Schritt wieder zu mir selbst zurückzufinden.
Diese Werte waren richtig. Sie haben mich dorthin gebracht, wo ich heute stehe. Aber sie beschreiben nicht mehr das Leben, das jetzt begonnen hat.
Die Werte, die mein neues Leben begleiten
Vor einigen Tagen hatte ich einen Gedanken, der mich tief berührt hat: Mein Leben war über Jahrzehnte ein Kampf. Im Außen war das für die wenigsten sichtbar. Aber innerlich kämpfte ich. Denn ich wollte raus aus einem Leben, das eigentlich nur schwierig, anstrengend und herausfordernd war. Ich wollte, dass es besser wird und ich endlich in einem anderen Leben ankomme.
Und dann, im Frühjahr dieses Jahres, wurde mir bewusst: Ich bin angekommen.
Nicht, weil jetzt alles perfekt ist, sondern weil ich nicht mehr gegen all das Unangenehme ankämpfen muss. Mein Leben war ein anderes geworden – all meine Mühe und Anstrengung haben nicht nur mich verändert, sondern auch mein Leben.
Meine neuen wichtigsten Werte
Ich bin immer noch dabei, diesen deutlich spürbaren Wandel in mein Leben zu integrieren. Wenn der Kampf endet, verändern sich ganz automatisch auch die Werte, die mir bisher Orientierung gaben. Es geht nicht mehr darum, möglichst schnell irgendwo hinzukommen.
Sondern darum, bewusst dort zu sein, wo ich längst angekommen bin.
Gelassenheit
Wenn ich einen Wert ganz nach oben schieben müsste, dann wäre es Gelassenheit. Nicht, weil ich sie schon beherrsche, sondern weil ich sie entdecken möchte.
Ich ertappe mich immer noch dabei, aus den kleinsten Dingen ein Leistungsprojekt zu machen. Um mich mit mir selbst zu vergleichen. Besser werden zu werden. Schneller voranzukommen. Besonders deutlich wird mir das beim Zeichnen, beim Schreiben oder immer dann, wenn ich etwas Neues lerne.
Fast automatisch übernimmt mein alter Entwicklungsmodus die Führung. Aus Neugier wird Ehrgeiz. Aus Freude wird ein Ziel. Aus einem Hobby wird ein Projekt. Dabei frage ich mich inzwischen etwas ganz anderes:
Was passiert, wenn ich etwas tue, ohne besser werden zu wollen?
Wenn ich zeichne, weil ich zeichnen möchte. Wenn ich schreibe, weil ich Freude am Schreiben habe. Wenn ich lerne, weil mich etwas begeistert – und nicht, weil ich möglichst schnell ein Ergebnis erreichen möchte.
Vielleicht beginnt Gelassenheit genau dort.
Nicht darin, weniger zu tun, sondern darin, dem Leben nicht ständig beweisen zu müssen, dass ich vorankomme.
Akzeptanz
Mindestens genauso interessant ist für mich der Wert Akzeptanz. Allein das Wort löst in mir noch leichten Widerstand aus. Denn früher bedeutete Akzeptanz oft, in einer Situation zu sein, die ich mir nicht ausgesucht hatte, die ich aber nicht verlassen oder verändern konnte.
Etwas hinnehmen, das ich eigentlich anders haben wollte. Ich musste Situationen akzeptieren, die ich nicht verändern konnte. Gleichzeitig arbeitete ich mit aller Kraft daran, sie doch noch zu verändern. Das war ein ständiger Kampf in meinem Leben.
Die Akzeptanz, die ich jetzt meine, fühlt sich anders an. Nicht resigniert oder passiv – sondern weich.
Ich muss mein Leben nicht mehr ständig verändern und verbessern. Ich muss nicht alles kontrollieren und ich darf es jetzt aus einer völlig anderen Haltung heraus gestalten. Nicht mehr aus einem inneren Druck heraus, sondern weil es aus sich selbst heraus entsteht.
Für mich geht es jetzt darum, meinen Alltag neu wahrzunehmen – ihn mit neuen Augen zu betrachten. Ohne inneren Stress oder Daueranspannung.
Wahrzunehmen, was gerade entstehen möchte.
Mit dem Leben zu fließen, statt permanent gegen den Strom zu schwimmen. Manchmal fühlt es sich noch etwas skurril an und – nein, das ist nicht immer leicht. Aber ich möchte das lernen und mehr und mehr auf meine innere Führung – meine Seele – hören.
Authentizität
Interessanterweise ist Authentizität gar nicht aus meinen drei wichtigsten Werten verschwunden. Sie fühlt sich heute nur völlig anders an. Früher war sie ein Ziel. Heute ist sie eher die Grundlage meines Lebens.
Bisher ging es mir um den Weg aus der Anpassung. Heute muss ich nicht mehr darum kämpfen, ich selbst zu sein, denn ich erkenne mehr und mehr, wer ich bin. Ich habe die alten Konzepte und Strukturen hinter mir gelassen.
Natürlich gibt es immer noch Situationen, in denen ich alte Muster bei mir entdecke. Aber insgesamt fühlt sich Authentizität heute weniger als ein Ziel an. Sie ist eher der Boden, auf dem mein Leben inzwischen steht.
Jetzt allerdings geht es darum, diese Authentizität zu leben und zum Ausdruck zu bringen. Das bedeutet auch, meiner inneren Wahrheit zu folgen und sie auszusprechen. Und ich merke jetzt schon, dass es mir nicht mehr ganz so wichtig ist, ob die anderen diese Wahrheit mögen. Der Anpassungsmodus tritt deutlich in den Hintergrund und manchmal wundere ich mich über die Sätze, die mir aus dem Mund purzeln.
Vielleicht ist genau das der Unterschied. Früher musste ich Authentizität lernen. Heute geht es darum, sie deutlich und klar zum Ausdruck zu bringen.
Werte wachsen mit uns
Werte sind keine endgültige Liste, die wir einmal festlegen und dann für immer behalten. Sie entwickeln sich mit unserem Leben und wir können sie ganz wunderbar für Veränderungsphasen nutzen. Denn sie spiegeln auch wider, welche Aufgaben gerade vor uns liegen und welche Fähigkeiten wachsen möchten.
Im Rückblick fühlt es sich an, als hätte ich jahrzehntelang einen steilen Berg bestiegen. Jeder Schritt hatte ein Ziel: Höher, weiter – raus aus dem Tal.
Jetzt stehe ich oben. Und zum ersten Mal geht es nicht darum, den nächsten Gipfel zu suchen, sondern darum, stehen zu bleiben und die Aussicht zu genießen. Im Moment geht es nicht darum, mein Leben weiter zu verbessern, sondern es zu bewohnen.
Mich an dem zu freuen, was ich geschafft habe, und den Entwicklungen Raum zu geben, die jetzt entstehen möchten. Vielleicht beginnt genau dort ein neues Kapitel meines Lebens: nicht mehr ständig auf dem Weg zu sein, sondern endlich dort anzukommen, wo ich längst angekommen bin.













