Manche Krisen kündigen sich an. Andere schlagen ein wie ein Blitz. So war es bei mir.

Gerade frisch verheiratet, voller Pläne und Vorfreude auf unser gemeinsames Leben, verlor mein Mann seinen Arbeitsplatz. Kurz darauf stand auch mein eigener Job auf der Kippe. Innerhalb weniger Monate brach vieles weg, was uns Sicherheit gegeben hatte.

Damals fühlte es sich an, als würde mein Leben auseinanderfallen, und ich hätte die Krise niemals als Glücksfall bezeichnet. Im Gegenteil.

Denn sie brachte Angst, Überforderung, finanzielle Sorgen und Gefühle an die Oberfläche, von denen ich bis dahin nicht einmal wusste, dass sie in mir existierten.

Erst viele Jahre später konnte ich erkennen, was diese Zeit tatsächlich in Bewegung gesetzt hatte. Sie hat nicht nur unsere Beziehung verändert, sondern vor allem mich selbst.

Rückblickend war diese Lebenskrise einer der wichtigsten Wendepunkte meines Lebens.

Das Positive an Krisen

Kein Mensch braucht Krisen, aber je mehr man davon überwunden hat, desto deutlicher erkennt man ihren besonderen Wert, den sie für einen haben können.

Heute spricht man vom posttraumatischen Wachstum. Gemeint ist die Fähigkeit, an schweren Erfahrungen nicht zu zerbrechen, sondern daran zu wachsen und dem Leben trotz allem wieder mit Zuversicht zu begegnen.

Ich betrachte Krisen als eine Einladung zu innerem Wachstum. Wer sie bewältigt, stärkt nicht nur seine Widerstandskraft, sondern oft auch sein Vertrauen ins Leben.

Mein eigenes Leben wurde bereits Anfang zwanzig ziemlich holprig – und das sollte es für sehr viele Jahre bleiben. Doch eine Krise hat alles andere übertroffen. Sie kam völlig unerwartet und erschütterte mein Leben bis ins Mark. Heute kann ich sagen, dass sie sich rückblickend als Glücksfall erwiesen hat.

Absturz von Wolke sieben

2001 zogen mein Mann Johannes und ich gemeinsam nach München. Er verließ dafür Düsseldorf, ich meine Heimat in Schwaben. Ich hatte gerade das elterliche Unternehmen verlassen und brauchte dringend Abstand. Der Umzug kam genau zur richtigen Zeit – und nach zwei Jahren Fernbeziehung freuten wir uns darauf, endlich gemeinsam anzukommen.

Doch das Leben hatte andere Pläne.

Kaum waren wir verheiratet und hatten uns gemütlich eingerichtet, da verlor Johannes nach nur drei Monaten seinen Arbeitsplatz. Gleichzeitig wartete ich alle zwei Wochen darauf, ein Opfer der Kündigungswelle bei meinem neuen Arbeitgeber zu werden.

Was für ein Auftakt in unser gemeinsames Leben.

Ich wusste, dass Johannes sehr traumatische Erfahrungen gemacht hatte. Gleichzeitig fühlte ich mich durch Erfahrungen im Familienunternehmen, meine Coaching-Ausbildungen und die intensive Arbeit mit meiner spirituellen Lehrerin einigermaßen vorbereitet.

Ich dachte: Wir schaffen das.

Doch was durch den Jobverlust und die veränderte Lebenssituation plötzlich an die Oberfläche kam, sprengte mein gesamtes Vorstellungsvermögen.

Keine Hochzeit ohne ein Ja zum inneren Wachstum

Bevor wir heirateten, hatte ich Johannes zu meiner spirituellen Lehrerin mitgenommen. Ich kannte ihre außergewöhnliche Arbeitsweise bereits seit zehn Jahren und hatte erlebt, welche tiefgreifenden Veränderungen dadurch möglich waren. Mir war bewusst, dass unsere Beziehung Herausforderungen mit sich bringen würde.

Deshalb brauchte ich nicht nur sein Ja zu unserer Ehe, sondern auch sein Ja zu einem gemeinsamen Entwicklungsweg.

Wenn wir diese Beziehung wirklich leben wollten, dann nur mit der Bereitschaft, an uns selbst zu arbeiten. Und genau dieses Versprechen hat Johannes gehalten.

Meine Entscheidung: Ich werde an dieser Krise wachsen

Ich lebte in einer Stadt, in der ich niemanden kannte – Freunde und Familie waren hunderte Kilometer entfernt. Durch die Arbeitslosigkeit brach das Trauma mit einer solchen Wucht durch, dass wir einander nicht stützen konnten. Mein Arbeitsplatz war unsicher und ich war mit der gesamten Situation völlig überfordert.

Ich war enttäuscht vom Leben – hatte ich es mir doch so viel anders vorgestellt.

Außerdem fühlte ich mich einsam. Über solche Themen spricht man nur selten offen. Die einen wollten davon nichts hören, weil sie selbst gerade glücklich waren – andere rieten mir schlicht, diesen Mann zu verlassen. Doch ich hatte bereits viel über die tieferen Zusammenhänge menschlicher Krisen gelernt und für mich war Weglaufen keine nachhaltige Lösung.

Ich glaubte nicht daran, dass mir dieser Mensch zufällig begegnet war.

Unsere Beziehung brachte nicht nur seine Verletzungen ans Licht, sondern auch meine eigenen unbewussten Muster. In mir tauchten Gefühle auf, von denen ich bis dahin nicht einmal wusste, dass sie in mir existierten. Für mich gab es deshalb nur einen Weg:

Augen auf und durch. Komme, was wolle. Und es kam viel.

Schockstarre und völlige Überforderung

Uns brach innerhalb kurzer Zeit beinahe alles weg. Wir waren allein, das Geld wurde knapp und wir mussten in eine günstigere Wohnung ziehen. Gleichzeitig brachten die üblichen Therapien nicht die erhoffte Veränderung.

Alles, was wir finanziell entbehren konnten, investierten wir in unsere innere Arbeit.

Statt in den Urlaub zu gehen, besuchten wir Seminare und machten Ausbildungen. Die Freizeit verbrachten wir mit Persönlichkeitsentwicklung. Denn wir wollten beide verstehen, was wirklich hinter unseren Themen lag, und die Verletzungen der Vergangenheit nachhaltig lösen.

Ich kann heute kaum noch beschreiben, was ich damals fühlte. Ich funktionierte.

Es war, als würde ich unter Schock stehen. Zwischen Gefühllosigkeit, Wut, Schmerz, tiefer Ohnmacht und völliger Überforderung wechselten sich die Emotionen ständig ab.

Für mich war es ein Überlebenskampf. Und gleichzeitig wusste ich tief in mir – und ich habe das immer wieder durch erneute Entscheidungen bekräftigt –, dass ich daran wachsen würde.

Ich denke, dass wir nur die Aufgaben bekommen, die wir letztlich auch bewältigen können. Und vielleicht war genau dieser Glaube eine Kraftquelle, die mich durch diese Zeit getragen hat.

Der Weg aus der Krise

Unser Fokus lag ganz klar auf der Klärung innerer Themen. Ich weiß nicht mehr, wie viele Bücher ich gelesen, wie viele Seminare und Coachings wir besucht haben. Erst viele Jahre später lernte ich, wirklich zu verstehen, was Trauma bedeutet und wie nachhaltige Traumaarbeit aussehen kann.

Trotzdem war unser damaliger Weg richtig und wir haben beide unser Bestes gegeben. Viele Jahre später wurden die ersten Veränderungen sichtbar. Ich wurde ruhiger, klarer und selbstbewusster.

Es war nicht nur ein Weg zueinander, sondern vor allem ein Weg zu mir selbst.

Je mehr die alten Verletzungen heilen konnten, desto mehr gewann ich Vertrauen in mich selbst und mein Leben. Doch es war ein verdammt langer und schmerzhafter Weg.

Aber heute kann ich aus tiefstem Herzen sagen: Es hat sich gelohnt.

Krisen sind schmerzhaft – und gleichzeitig faszinieren sie mich

Heute gibt es nur noch wenig, das mich wirklich erschüttern kann.

Ich habe so viele eigene Untiefen erlebt und in meiner Arbeit als Coach so viele Einblicke in Lebensgeschichten anderer Menschen bekommen, dass mich kaum noch etwas überrascht oder schockiert. So schmerzhaft all diese Erfahrungen auch sind – mich fasziniert bis heute, wie Ängste, Blockaden und Traumata entstehen und vor allem, wie Menschen sie bewältigen.

Mein Vater versteht diese Faszination bis heute nicht. Ich dagegen könnte mich stundenlang damit beschäftigen.

Herausforderungen sind Wachstumsmöglichkeiten

All die schwierigen Lebensphasen haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, Ängsten und Herausforderungen nicht auszuweichen. Ich denke, dass jeder Mensch Themen mit in dieses Leben gebracht hat, an denen er wachsen darf. Und je eher wir bereit sind, hinzuschauen, desto eher beginnt die Veränderung.

Deshalb ermutige ich die Menschen, hinzuschauen und Schwierigkeiten mutig anzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Denn die Geschenke, die daraus entstehen können, sind unbezahlbar: Selbstvertrauen, innere Stärke, Resilienz, Freiheit, Frieden und Gelassenheit.

Und genau dieses Fundament kann einem niemand mehr nehmen.

Was die Krise in meinem Leben verändert hat

Wie sehr mich all diese Krisen geprägt haben, wurde mir erst in meiner Arbeit als Coach bewusst. Ich stehe auf einem erstaunlich stabilen Fundament und kann die schwierigsten Prozesse halten und begleiten.

Nicht, weil ich alle Antworten kenne, sondern weil ich viele Abgründe selbst oder bei anderen erlebt habe.

Die Krisen haben mich widerstandsfähiger, stärker und gelassener gemacht. Nicht, weil ich heute immun wäre gegen schwierige Zeiten.

Sondern weil ich weiß: Ich schaffe das. Egal, was kommt.

Und ich habe gelernt, dass aus jeder Krise – manchmal erst viele Jahre oder Jahrzehnte später – etwas Neues entstehen kann.

Ein klares, stabiles Mindset ist deshalb für mich bis heute eines der wertvollsten Güter überhaupt. Persönlichkeitsentwicklung war für mich nie nur ein Beruf. Wie ist zu einer Lebenshaltung geworden. Liebe Djuke, danke für diese wunderbare Einladung. Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, noch einmal auf diese Zeit zurückzublicken und zu erkennen, wie wertvoll sie ist – trotz aller Schmerzen – für mein Leben und unsere Beziehung war.

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