Ich sitze im Klassenzimmer und hämmere mit den Fingern auf die Tasten. Der freiwillige Kurs am Ende des Vormittags ist einer meiner Lieblingskurse. Gemeinsam mit Schülern unterschiedlicher Klassen sitze ich im lichtdurchfluteten Klassenraum und freue mich an der immer gleichen Buchstabenfolge: asdf jklö. Asdf jklö. Immer und immer wieder die gleichen Buchstaben und die gleichen Fingerbewegungen.

Ein Mantra: asdf jklö asdf jklö…

Ich bin dreizehn oder vierzehn Jahre alt und gerade dabei, meinen Ehrgeiz zu entdecken. Ich will das 10 Finger System auf der Schreibmaschine unbedingt lernen – und zwar so schnell wie möglich! Mit jedem neuen Buchstaben, den ich lerne, wird es zwar schwieriger, aber irgendwann würden aus der seltsamen Buchstabenfolge ordentliche Wörter und ganze Sätze werden. Das ist mein Ziel. Außerdem macht es unglaublich viel Freude, mit den Fingern auf die Tasten zu hämmern und das Ergebnis auf dem Papier zu sehen.

Samt der vielen Fehler, die ich genauso wiederhole wie die Buchstabenfolge.

Ich habe das Schreiben auf einer mechanischen Schreibmaschine gelernt. Die schwere Triumph Adler stand damals in fast jedem Büro, auch in unserem. Und so saß ich Nachmittag für Nachmittag am Schreibtisch meiner Mutter, um ein Blatt nach dem anderen zu füllen: asdf jklö asdf jklö.

Wenn heute meine Finger über die Tastatur des Laptops fliegen, denke ich nicht mehr darüber nach, mit welchem Finger ich welche Taste drücken muss. Die Worte erscheinen wie von Zauberhand auf dem Bildschirm. Über die Jahre ist ein Automatismus entstanden, das Schreiben geht wie von selbst.

Das 10 Finger System ist ein gutes Beispiel für „Übung macht den Meister“.

Hätte ich das Schreiben auf der Schreibmaschine nicht immer und immer wieder geübt, dann könnte ich es heute nicht.

Alleine der Wunsch hätte mich nicht zum Ziel gebracht, Gedankenkraft auch nicht.

Ich musste mir immer wieder die Zeit dafür nehmen und vor allem eins: Dranbleiben. Von den vielen Fehlern durfte ich mich nicht vom Üben abhalten lassen. Glücklicherweise gibt es erprobte Systeme, mit denen man Schreibmaschinen schreiben lernen kann. Ich konnte also sicher sein, dass ich mein Ziel, mit ausreichend Übung, erreichen würde.

Wie oft schauen wir auf Menschen, deren Fähigkeiten wir bewundern.

Fähigkeiten, die wir auch gerne hätten. Die Dinge erreicht haben, die wir uns ebenfalls wünschen. Die uns zeigen, was möglich ist und uns mit den Wünschen und Sehnsüchten in Kontakt bringen. Diejenigen, die bis dahin tief in uns verborgen waren.

Und dann passiert etwas Spannendes.

Gleich nach dem ersten Gedanken „das würde ich auch gerne können“, hören wir uns im gleichen Atemzug zu sagen: „Ich könnte das nie!“, oder „dafür habe ich kein Talent.“

Und gehen weiter. Als wäre da nie etwas gewesen.

Manchmal lässt sich das Sehnen nicht mehr unterdrücken. Mit stetiger Vehemenz schreit es nach Aufmerksamkeit. Das Erlebnis hat etwas lang Verborgenes an die Oberfläche gespült. Wir machen uns auf den Weg, unserer Sehnsucht zu folgen. Neue Fähigkeiten zu entwickeln, um genau das Ergebnis zu erreichen, das wir gesehen haben und das wir auch haben möchten.

Wir können alles lernen.

So zumindest habe ich das verstanden, was ich in der NLP-Ausbildung gelernt habe. Wir finden heraus, mit welcher Strategie das Ergebnis erreicht wurde, zerpflücken sie in ihre Einzelteile und machen es nach. So weit die Theorie in Kurzform, aber im Prinzip ist das der Weg. Deshalb bekommt man oft den Tipp, nach Vorbildern zu suchen, die das Ziel schon erreicht haben oder nach guten Lehrern.

Für mich hat diese Herangehensweise alles verändert.

Sie hat meine geistigen Grenzen regelrecht weggesprengt und mich für unendlich viele Möglichkeiten geöffnet. Seitdem bin ich davon überzeugt, dass wir tatsächlich alles lernen können. Na ja, zumindest mehr, als wir denken oder als uns beigebracht wird.

Wenn die Motivation stimmt, wir bereit sind Neues zu lernen und uns aufs Üben und Fehler machen einlassen.

Allerdings werde ich es damit nicht immer zur Meisterschaft bringen.

Anne Sophie Mutter, zum Beispiel, spielt seit ihrer Kindheit Violine. Würde ich jetzt lernen, wie man Violine spielt, dann würde ich sicher nicht zu einer professionellen Konzertviolinistin werden. Aber mit ausreichender Motivation und viel Üben könnte ich sicher ein ordentliches Niveau erreichen.

Oft wird genau das vergessen:

Wir beobachten jemanden, der bereits am Ziel ist und vergessen dabei, wie lange und mühevoll der Weg war, den diese Person gegangen ist.

Wir sehen nicht, wie lange sie gebraucht hat, was sie dafür geopfert hat, viel oft sie gescheitert ist oder wie viele Fehler sie gemacht hat. Nicht zu vergessen, dass auch ein Meister nur Meister bleibt, wenn er weiterhin übt. Dass eine Anne Sophie Mutter so erfolgreich ist, liegt auch am beständigen Training.

Beständigkeit ist ein wichtiger Punkt.

Vielleicht sogar der Wichtigste.

Um meine Fähigkeiten zu verbessern, braucht es Durchhaltevermögen und dann wären wir wieder bei der Motivation. Vor allem, wenn ich noch am Anfang stehe, ist die Gefahr groß, Wissen oder Können zu verlieren, wenn ich nicht dranbleibe. Wenn ich nicht genug trainiere, weil ich zu früh aufgebe. Weil sich noch keine Routinen oder Automatismen entwickelt haben. Deshalb ist Beständigkeit so wichtig.

Wenn wir etwas Neues beginnen, werden wir wieder zum Anfänger.

Sich dessen bewusst zu sein, finde ich wichtig, wenn wir uns auf den Weg der Meisterschaft machen. Im Buddhismus gibt es dafür die Bezeichnung des Anfängergeistes:

Es ist eine innere Haltung und die Bereitschaft, den Geist wie ein Anfänger zu kultivieren und sich für neue Erfahrungen zu öffnen. Wir betrachten das Neue vorurteilsfrei, frei von Annahmen und festgefahrenen Ansichten und stattdessen mit Neugier und Offenheit.

Ach ja, und wenn wir schon dabei sind, uns auf den Weg zu machen, ist es wichtig, dass wir gnädig mit uns sind.

Dass wir den Fortschritt sehen und achtsam sind, mit wem wir uns vergleichen.

Sich mit Menschen zu vergleichen, die bereits Meisterschaft erreicht haben, kann motivierend, aber auch frustrierend sein. Deshalb kann es Sinn machen, sich erst mal auf sich selbst zu konzentrieren. Um den eigenen Fortschritt zu beobachten und sich darüber zu freuen. Über jeden kleinen Schritt. Auch jeden Fehler und jede Erfahrung.

Gut zu wissen: Es wird Rückschritte geben.

Ohne die geht es nicht, sie gehören einfach dazu. Manchmal glauben wir, den Berg nicht erklimmen zu können. Wir verlieren die Motivation und möchten am liebsten alles hinwerfen. Das geht jedem so. Es wird ruckelig werden. Auch das gehört zum Lernprozess. Darüber reden nur die wenigsten. Und es braucht Mut. Mut, Fehler zu machen und zu scheitern. Immer und immer wieder.

Es ist eine kleine Ewigkeit her, dass ich gelernt habe, mit dem 10 Finger System zu schreiben. Und es sollte nicht lange dauern, bis ich mir beibrachte, Zahlenkolonnen blind auf der Rechenmaschine einzutippen.

Die Freude aus einer vermeintlichen Unfähigkeit eine Fähigkeit zu machen ist geblieben.

Ebenso die Freude am Lernen und daran, über mich selbst hinauszuwachsen. Neue Möglichkeiten zu entdecken und den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern.


Und weil ich manchmal nicht nur mutig, sondern gerne auch übermütig bin, habe ich mein erstes Buch geschrieben. Habe kleine Lebensgeschichten zwischen zwei Buchdeckel gepackt. Dabei ist dieses erste Essay entstanden. Das kleine Büchlein ist noch voller Fehler und deshalb darf es im Moment noch niemand lesen.

PS: Das Essay ist im Rahmen eines Buchkurses entstanden, zu dem mich die liebe Daniela inspiriert hat. Sie hat ebenfalls darüber geschrieben: „Übung macht den Meister, oder doch nicht?“