Mit klammen Fingern vom langen Spaziergang öffnete er die Hintertür des Konzerthauses, warf den dicken Wintermantel über den Stuhl seiner Garderobe, setzte sich an den Flügel und begann mit fließenden Bewegungen das Stück von Mozart zu spielen. Die Geschichte ist erfunden und sie würde so vermutlich auch niemals passieren. Ich bin keine Pianistin, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit klammen Fingern ein Stück von Mozart spielen kann. Ich gehe davon aus, dass ein Pianist vor dem Konzert seine Hände aufwärmen und sich mit Fingerübungen auf das Konzert vorbereiten würde.

Warum ich die Geschichte erzähle?

Weil die meisten glauben, dass Schreiben genau so funktioniert: Wir setzen uns an den Schreibtisch, öffnen unser Notizbuch, nehmen den Stift zur Hand und lassen die Worte wie von selbst vom Kopf aufs Papier fließen. Nach einer zeitlosen Ewigkeit legen wir glücklich und erfüllt den Stift zur Seite, um beseelt in den Tag zu gehen.

Die Wahrheit ist: Das funktioniert nicht.

Zumindest, wenn wir zum ersten mal Schreiben und uns noch keine Routine angeeignet haben. An dem Satz „Übung macht den Meister“ ist schon was dran. Üben ist von großer Bedeutung. Es bedeutet, sich Tag für Tag konsequent auf etwas einzulassen.

Wer meint, er könne diesen wichtigen Teil auslassen, irrt.

Das ist zumindest meine Erfahrung. Es funktioniert übrigens in den wenigsten Bereichen des Lebens.

Damit Üben möglich wird, sollten wir den geistigen Mäuerchen, die sich uns in den Weg stellen, nicht ausweichen, sondern uns mutig darauf einlassen. Über die Jahre meines kreativen Alltags habe ich ein paar Strategien entwickelt, wie das gelingen kann.

Wie ich meine Angst vor dem leeren Blatt überwunden habe

Ich habe die Angst (meine Schreibblockaden sind legendär) – in ungefähr 90 % der Fälle – hinter mir gelassen. Gelernt habe ich das durchs Zeichnen und all den anderen kreativen Blödsinn in meinen Notizbüchern. Die Angst vor der leeren Seite hat sich mir meist dann gezeigt, wenn ich eine (meist unbewusste) Erwartung in mir hatte. Wenn ich zum Beispiel in Gesellschaft anderer (die das viel besser können als ich 😉) gezeichnet habe oder ich ein besonders schönes Motiv aufs Papier bringen wollte. Wenn ich etwas möglichst perfekt machen wollte.

Art Journaling – bei dem man ziemlich wild, bunt und ergebnisoffen arbeitet – hat mein Bild von „richtig“ und „falsch“ radikal verändert. Wenn aus den blödesten „Fehlern“ die wunderbarsten Bilder entstehen, ändert sich die Definition von Schönheit. Mich hat das lockerer werden lassen.

Nicht viel anders ist das beim Schreiben. Die leere Seite im Notizbuch baut bei den meisten einen unbewussten Erwartungsdruck auf. Schließlich soll das, was da später geschrieben steht, nicht nur schön, sondern auch gehaltvoll – und vielleicht sogar besonders wertvoll – sein. Und weil wir nicht glauben, diesen Erwartungen gerecht zu werden, fangen wir erst gar nicht an. Im schlimmsten Fall klappen wir das Notizbuch wieder zu und lassen es mit dem Gedanken „ich wusste doch, dass ich das nicht kann“, lieben. Die Strategie, funktioniert immer. 😉

Kreative Aufwärm-Übungen

Es gibt ein paar überraschend einfache Möglichkeiten, den Bann zu durchbrechen und die Seite zu ent-perfektionieren. Man „versaut“ die Seite mit einem Tee- oder Kaffeefleck, sprenkelt Farbe über die Seite, macht einen Strich oder einen bunten Fleck darauf. Man kann auch ein Wort oder einen Spruch draufscheiben. Wer ein bisschen mutiger ist schreibt mit der linken Hand (wenn man Rechtshänder*in ist) ein Wort oder einen Satz aufs Blatt. Damit hat sich das Thema Perfektionismus ganz schnell erledigt.

Die Entscheidung, meine Notizbücher zur „bewertungsfreien Zone“ zu machen, in der „alles darf und nichts muss“, hat alles verändert und mir Freiheit und Leichtigkeit geschenkt.

Es gibt noch eine weitere Möglichkeit, den perfektionistischen Anspruch auszuschalten.

Such dir in einem Magazin, einer Zeitschrift (oder was auch immer) irgendein Bild, einen Satz oder ein Wort, das dich anspricht, reiße es heraus (reißen, nicht ordentlich mit der Schere ausschneiden!) und klebe es irgendwo auf die leere Seite. Du kannst auch ein Foto, das du selbst gemacht hast, reinkleben. Völlig egal. Probiere es einfach mal aus und finde den Weg, der für dich gut funktioniert.

Einen Tipp habe ich noch für dich: Egal was du machst, mache es zügig und schnell, ohne viel nachzudenken, sonst verlierst du dich noch in perfekten Kaffeeflecken 😂

Schreibend locker werden

Kürzlich habe ich das Buch „Mit dem Schreiben anfangen – Fingerübungen des kreativen Schreibens“ von Hans-Josef Ortheil entdeckt und darin ein paar Ideen für den Einstieg ins Schreiben entdeckt, die ich heute mit dir teile.

Texte abschreiben

Das ist etwas, was ich intuitiv schon ganz lange mache, es aber nie als Einstieg fürs Schreiben betrachtet hatte. Ich lese ja unglaublich viel und es gibt immer irgendwelche Textstellen, die mich so inspirieren, dass ich sie direkt ins Notizbuch schreibe. Meine Bücher sind voll davon und sie inspirieren mich oft zum Weiterschreiben.

Aber du musst deshalb nicht zum Bücherwurm werden. Es genügt, wenn du irgendeinen Text abschreibst. Mit der Hand oder am PC ist dabei völlig egal. Es kann ein Text aus der Tageszeitung sein, aus dem Internet, aus einem Roman, deinem Lieblingsbuch, völlig wurscht. So kommt man ganz easy in einen Schreibfluss.

Morgenseiten

Die meisten kennen die Morgenseiten aus den Büchern von Julia Cameron. Du musst ja nicht gleich drei Seiten schreiben, aber einfach mal drauflosschreiben, ohne Pausen zu machen und auf Rechtschreibung zu achten, ist immer eine gute Idee, um locker zu werden. Manchmal beginne ich einfach so: „Ich würde gerne etwas schreiben, weiß aber nicht was, und je länger ich nach einer guten Idee suche, je leerer wird es in meinem Hirn und ich befürchte….“

Einschreiben

In seinem Buch „Einschreiben Aufzeichnen“ beschreibt Christoph Peters, wie alltägliches zum Besonderen wird: Ein Geschenk, ein neuer Füller, wird zum Auslöser für die tägliche Niederschrift. Christoph Peters schreibt sein neues Arbeitsgerät ein, und lässt den Leser für ein Jahr an den Beobachtungen und Gedanken seines Alltags teilhaben. Scheinbar Banales wird beschreibenswert, Routine wird zum Ereignis. (Klappentext)

Du schreibst einfach kurz über das, was gerade ist. Das hört sich banal an, ist es auch, aber es hilft. Fang‘ an beim Wetter und beschreibe, was du siehst, hörst, riechst: „Ich sitze am Schreibtisch, draußen ist es kalt, der Herbst ist da. Neben mir die Tasse Tee, wie jeden Morgen. Ich will einen Anfang finden zum Schreiben und lasse einfach mal den Stift übers Papier gleiten um zu schauen was kommt. Im Moment kommt noch nichts, aber vielleicht ändert sich das ja noch...“

Alternativ könntest du auch ein Zitat nehmen und deine Gedanken dazu aufzuschreiben und vielleicht kommst du noch auf ein paar andere Ideen. Persönliche Fotos eignen sich dafür übrigens auch gut.

Gerade eben wurde das Buch „Einschreiben Aufzeichnen“ geliefert. Die Skizzen inspirieren mich, kleine Skizzen ins Notizbuch zu zeichnen.

Journaling ist ein Lern- und Entwicklungsweg

Ich wusste nicht, dass Wissenschaftler anhand der Notizbücher von Autoren nachvollziehen können, wie ein Buch entstand. Der Autor hat, lange bevor sein Manuskript druckreif ist dafür unglaublich viele Notizen, Skizzen, Recherchen und Schreibübungen gemacht. All diese Dinge waren und sind mit Sicherheit alles andere, nur nicht perfekt.

So wie sich ein Schriftsteller zu seinem Buch hinentwickelt, tun wir das auch beim Journaling. Wir starten irgendwann, irgendwie, und lassen uns auf das ein, was entstehen möchte. Wir nähern uns sozusagen schreibend uns selbst.

Warum du dich von nichts und niemandem aufhalten lassen solltest

Beim Schreiben ist es wie beim Zeichnen: Die meisten trauen sich nicht. Beim Zeichnen wird das noch deutlicher, denn wir haben sofort die Werke großer Künstler im Kopf und schon ist der Satz „ich kann nicht zeichnen“ zwischen den Ohren. Was wir aber vergessen ist, dass die wenigsten Künstler mit so viel Talent auf die Welt kamen, dass ihnen die Bilder einfach so vom Pinsel auf die Leinwand flossen. Zeichnen ist Handwerk und ganz viel Übung. Schreiben auch. Wie vieles im Leben. Und je mehr wir üben, umso leichter wird es und dann fängt der Spaß ja erst so richtig an. Ich weiß wovon ich spreche, denn ich habe mich lange genug blockieren lassen. 🤦🏻‍♀️

Beim Journaling ist das nicht viel anders. Die meisten von uns erinnern sich noch an die Meisterwerke, die wir für die Schule lesen mussten und die qualvollen Momente beim Schreiben eines Aufsatzes. Und dann wundern wir uns, dass wir uns nicht trauen?

Noch zwei Gedanken

Seit ich mein Notizbuch zu einem sicheren Raum gemacht habe, ist alles leichter. Bitte mache dir bewusst, dass es dein Buch ist. Es ist nur für dich ganz alleine. Du musst es niemandem zeigen.

Ich habe keinerlei künstlerischen Anspruch an meine Notizbücher. Das ist auch der Grund, warum ich ungern irgendwelchen Anleitungen folge. Denn in dem Moment, wo es eine Vorlage, ein Ziel oder ähnliches gibt, versuche ich, das zu verwirklichen. Für meine Kreativität ist das ein Todesstoß. Ich brauche absolute Freiheit. Ich lasse mich gerne mal inspirieren, aber das wars dann auch schon.

Falls du mit dem Journaling startest, empfehle ich dir, mental ein kreatives und experimentelles Feld zu eröffnen, in dem alles sein darf. Da passiert mal was Blödes, es gefällt einem nicht, oder was auch immer. Nimm das einfach wahr und beobachte, was es mit dir macht. Schreibe darüber und dann geh weiter.

Mir gelingt Schreiben dann am besten, wenn ich es nicht eingeplant habe. Inzwischen wundert mich das nicht mehr. Es ist wie mit den besonders guten Ideen, die einen ja meistens beim Duschen überraschen. Genau dann, wenn der Verstand mal Pause macht. Und das ist das Ziel des Ganzen.

PS: Was aus der Seite mit den Teeflecken wurde