Im Moment scheint vieles gleichzeitig ins Wanken zu geraten. Gesellschaftliche Veränderungen, wirtschaftliche Unsicherheiten, politische Spannungen und technologische Entwicklungen verändern unsere Welt in einer Geschwindigkeit, die viel Unsicherheit auslöst. Wir erleben Umbrüche, deren Ausmaß wir weder begreifen, noch absehen können.

Und doch ist das alles nicht neu. Immer, wenn ich selbst in einer Krise steckte – und das passierte oft –, habe ich versucht, mich zu orientieren. An der Historie und an den Lebensgeschichten anderer Menschen.

Vielleicht, um mir selbst damit Hoffnung zu geben.

Denn dabei habe ich erfahren, dass Krisen zum Leben zu gehören scheinen. Gesellschaften verändern sich. Alte Strukturen brechen auseinander, neue entstehen. Und jedes Mal haben wir das Gefühl, dass die Welt, dass unsere Welt, zusammenbricht.

Dafür braucht es nicht immer eine große Krise. Oft sind es die leiseren, die nicht gleich unser ganzes Leben erschüttern, sondern uns zur Weiterentwicklung einladen. Ich erlaube mir, das heute so zu schreiben, weil ich es genau so erlebt habe.

Mein Weg raus aus der Ohnmacht

Seit Anfang zwanzig verlief mein Leben selten so, wie ich es geplant oder mir gewünscht hatte. Dabei hatte ich gar keine außergewöhnlichen Vorstellungen. Ich wünschte mir einfach ein ganz normales Leben. Doch es sollte anders kommen.

Immer wieder tauchten Herausforderungen auf, die ich mir weder ausgesucht noch gewünscht hatte: beruflich, familiär, gesundheitlich und persönlich. Zu dieser Zeit hatte ich noch keine Ahnung, dass das Leben seine ganz eigenen Pläne mit mir hatte.

Von all dem wollte ich weg. Weg von den Konflikten, von der Überforderung und von dem quälenden Gefühl, all diesen Situationen hilflos ausgeliefert zu sein. Denn für mich gibt es kaum etwas Schlimmeres als Ohnmacht: das Gefühl, nichts tun zu können. Keinen Ausweg zu sehen und keinen Einfluss zu haben.

Heute weiß ich, dass genau diese Ohnmacht der Ausgangspunkt meiner Entwicklung war.

Nicht, weil ich damals besonders reflektiert gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Ich fühlte mich den Schwierigkeiten in meinem Leben so ausgeliefert, dass ich schnellstmöglich davon weg wollte. Weglaufen war nicht möglich, also suchte ich andere Lösungswege. Ehrlich gesagt war mir damals fast egal, womit ich anfing.

Hauptsache, ich tat etwas. Irgendetwas, das mich aus diesem Gefühl der Hilflosigkeit herausführte.

Ich begann, mich mit Kommunikation zu beschäftigen, denn das war etwas, das mir im Alltag die allermeisten Probleme machte. Ich wollte verstehen, warum ich mich in Gesprächen so unsicher fühlte und immer wieder in schier unlösbare Konflikte geriet. Warum schienen andere Menschen selbstverständlich miteinander umgehen zu können, während ich ständig das Gefühl hatte, etwas falsch zu machen? Jede Kritik traf mich tief und ließ meinen ohnehin schon fragilen Selbstwert weiter schrumpfen. Ich hatte ständig das Gefühl, dass alle etwas verstanden hatten – nur ich nicht.

Damals arbeitete ich im Familienunternehmen. Rückblickend würde ich sagen: Miteinander zu reden hatte keiner von uns wirklich gelernt. Also machte ich mich auf die Suche.

Zunächst nach Wissen über Kommunikation. Ich wollte lernen, Konflikte besser zu verstehen und anders mit ihnen umzugehen. Dass mich diese Suche schließlich zur Persönlichkeitsentwicklung führen würde, ahnte ich damals nicht. Ich hatte nie vor, mich damit zu beschäftigen. Ich wollte einfach Antworten auf die Probleme finden, die mein Leben damals bestimmten.

Ich wollte verstehen, statt nur zu überleben

Viele Situationen konnte ich mit meinem neuen Wissen sehr viel souveräner meistern. Ich war dabei, völlig neue Bereiche und damit neue Möglichkeiten kennenzulernen, die mein Leben nachhaltig verändern sollten. Und je mehr ich lernte, desto neugieriger wurde ich.

Ich wollte die Zusammenhänge verstehen – und vor allem wollte ich wissen, was das alles mit mir selbst zu tun hatte.

Denn was bei den einen den Stresspegel erhöhte, war für andere kaum der Rede wert. Wo der eine auswich, blieb ein anderer völlig entspannt. Warum reagieren Menschen so unterschiedlich auf ein und dieselbe Situation? Warum zerbrechen manche an einer Krise, während andere an ihr wachsen? Warum gelingt es einigen, selbst in schweren Zeiten ihre Zuversicht zu bewahren?

Aus der Suche wurde ein Forschungsprojekt

Diese Fragen haben mich zu einer Forscherin gemacht. Ich suchte nach Wissen, denn ich wollte verstehen, warum Menschen dieselbe Situation so unterschiedlich erleben. Und was ich selbst dafür tun konnte, um anders mit den Herausforderungen in meinem Leben umzugehen.

Ich las Biografien von Menschen, die Schicksalsschläge überstanden hatten. Ich beobachtete andere Menschen. Ich suchte nach Beispielen dafür, dass auch aus negativen Entwicklungen später etwas Gutes entstehen konnte. Vor allem aber begann ich mit der inneren Arbeit und damit, mich selbst zu beobachten.

Mein Leben wurde zu meinem Forschungsprojekt und das ist es bis heute.

Immer wieder stellte ich mir dieselbe Frage: Was möchte mir diese Situation zeigen? Nicht als Schuldfrage. Sondern als Einladung, genauer hinzuschauen. Mit der Zeit veränderte sich dadurch etwas Grundlegendes: Ich hörte auf, meine gesamte Energie darauf zu verwenden, gegen die Krise anzukämpfen. Denn ich merkte, dass mir der Kampf gegen eine Situation die Kraft nahm. Die Fragen dagegen gaben sie mir zurück.

Stattdessen begann ich zu fragen, welche Entwicklung diese Situation gerade von mir fordert. Was habe ich noch nicht gesehen? Wo darf ich meinen Blickwinkel erweitern? Was habe ich noch nicht gelernt? Welche Fähigkeit fehlt mir vielleicht noch?

All diese Fragen veränderten meine Perspektive: weg vom Problem, Richtung Lösung. Sie erweiterten damit nicht nur meinen Handlungsspielraum – sie schenkten mir auch neuen Mut und Zuversicht.

Ich konnte nicht jede Situation im Außen verändern, aber ich lernte, souveräner damit umzugehen. Denn ich verstand die Wirk-Zusammenhänge und ich hatte Fähigkeiten entwickelt, die mir einen Weg aus der Ohnmacht zeigten.

Die wichtigste Erkenntnis kam erst viel später

Während ich das hier schreibe, wird mir etwas bewusst, das ich bisher nicht gesehen hatte: Meine eigentliche Entwicklung fand nicht zwischen den Krisen statt, sondern währenddessen.

Nein, ich möchte keine dieser Erfahrungen noch einmal erleben. Ich würde sie mir auch heute nicht aussuchen. Aber ich kann inzwischen anerkennen, dass sie mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin.

Sie haben mich gelehrt, genauer hinzuschauen und mich bewusst mit Herausforderungen auseinanderzusetzen.

Ich habe gelernt, neue Perspektiven einzunehmen und mich durch Lehrer und Mentoren begleiten zu lassen. Immer wieder nach Handlungsmöglichkeiten zu suchen – auch dann, wenn eine Situation nahezu aussichtslos erscheint.

Was mir heute Zuversicht gibt

Ich weiß nicht, welche Herausforderungen noch auf mich warten. Ich weiß auch nicht, wohin sich unsere Welt entwickeln wird und welchen Einfluss das auf mein Leben haben wird.

Aber ich weiß inzwischen, wie ich ihnen begegnen kann.

Nicht mit dem Anspruch, alles kontrollieren zu können. Sondern mit der bewussten Bereitschaft, hinzuschauen, zu lernen und an dem zu wachsen, was das Leben mir gerade zeigt. Denn genau das hat mich jede einzelne Krise gelehrt.

Deshalb entsteht für mich Zuversicht durch die Haltung, mit der wir Krisen begegnen.

Dieser Blogartikel entstand im Rahmen der Blogparade von Pia Hübinger. Vielen Dank, liebe Pia, für Deine Einladung.

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