Hättest du mich als Teenager auf einer Party getroffen, hättest du ein schüchternes junges Mädchen kennengelernt, das beobachtend in der Ecke steht und darauf wartet, dass der wilde Spuk endlich vorbei ist. Vielleicht hättest du mich auch in der Küche entdeckt, vertieft in ein Gespräch mit einer einzelnen Person.

Ich war immer glücklich, wenn ich allein zu Hause sein konnte – ganz im Gegensatz zu vielen meiner Freunde, die sich schon nach einem Abend ohne Gesellschaft einsam fühlten.

Einige Jahre später hättest du eine junge Frau kennengelernt, die stapelweise Bücher über die unterschiedlichsten Themen verschlingt, ständig auf Seminaren unterwegs ist und den Kopf voller Ideen hat. Eine Frau, die sich immer wieder fragt, was mit ihr nicht stimmt, weil sie sich so anders fühlt als die Menschen um sie herum.

Und noch einige Jahre später wärst du einer Frau begegnet, die mit ihren großen Zielen oft nur Kopfschütteln erntet. Einer Frau, der gesagt wurde, Selbstständigkeit sei eine verrückte Idee, weil sie kaum Menschen kenne und kein Netzwerk habe. Aber auch einer Frau, die mutig und beharrlich ihren Weg geht und nicht aufgibt, bevor sie ihr Ziel erreicht hat.

Du hast es wahrscheinlich schon erraten: Diese Frau bin ich.

Warum diese 3 Bücher für mein Leben wichtig waren

Heute möchte ich dir drei Bücher vorstellen, die mir geholfen haben, zu verstehen, wer ich wirklich bin. (Inzwischen gibt es glücklicherweise sehr viel mehr Literatur zu all diesen Themen.)

Sie haben meinen Empfindungen Worte gegeben und meinen Eigenschaften einen Namen. Vor allem aber haben sie mir das Gefühl genommen, falsch zu sein.

Durch diese Bücher habe ich gelernt, dass ich mit meinem Anderssein in bester Gesellschaft bin. Heute empfinde ich viele dieser Eigenschaften nicht mehr als Belastung, sondern als wertvolle Stärke – privat wie beruflich. Und ja, inzwischen feiere ich sie sogar.

Sensibel und feinfühlig zu sein, ist wunderbar

Das Buch „Wenn die Haut zu dünn ist“ von Rolf Sellin war für mich eine große Erleichterung.

Ich war schon immer ein bisschen „empfindlich“. Ich nehme Stimmungen schnell wahr und merke oft sofort, wenn irgendwo dicke Luft herrscht. Lange Zeit fühlte ich mich damit falsch – genauso wie mit meiner Schüchternheit.

Inzwischen sehe ich das anders. Meine hohe Wahrnehmungsfähigkeit ist für mich eine große Stärke geworden. Sie hilft mir nicht nur dabei, mich selbst besser zu verstehen, sondern auch die Menschen um mich herum.

Wie sich die Hochsensibilität bemerkbar macht? Ich bin kein Fan von großen Menschenansammlungen und nach zwei bis drei Stunden in der Stadt bin ich irgendwie „durch“ und ausgelaugt. Auch zu viel Spannung in Filmen ist nichts für mich. Da lande halte ich mir schon mal ein Kissen vors Gesicht oder ich verlasse den Raum. Beim Film „A beautiful Mind“ habe ich tatsächlich das Kino verlassen.

Und Ungerechtigkeiten? Die gehen für mich bis heute gar nicht.

Beruflich feiere ich diese Eigenschaft, denn sie ermöglicht mir eine besondere Tiefe in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Oft entstehen dadurch überraschende Erkenntnisse und kreative Gespräche, die weit über das Offensichtliche hinausgehen.

Eine explosive Mischung: Introvertiert trifft auf Extrovertiert

Für mich liegen Hochsensibilität und Introvertiertheit sehr nah beieinander. Und da sind wir auch schon bei Buch Nummer zwei: „Still – Die Kraft der Introvertierten“ von Susan Cain. Dieses Buch hat für mich alles – wirklich alles! – verändert. Noch mehr als das Buch über Hochsensibilität.

Besonders deutlich wurde mir das in der Beziehung mit meinem Mann Johannes. Wir sind in vielerlei HInsicht sehr unterschiedlich. Ich bin eher introvertiert, er eher extrovertiert. Während er gerne unter Menschen war, suchte ich regelmäßig nach guten Gründen, um zu Hause bleiben zu können.

Es hat etwas gedauert und viele Konflikte gebraucht, bis wir verstanden, dass das erstaunlich gut passen kann. Denn ich konnte ihm den Raum geben, den er brauchte, gleichzeitig musste ich selbst nicht ständig im Mittelpunkt stehen.

Durch das Buch habe ich nicht nur mich selbst besser verstanden, sondern auch ihn. Und umgekehrt. Dieses gegenseitige Verständnis hat viel Ruhe in unsere Beziehung gebracht.

Plötzlich ergaben viele Dinge Sinn

Ich verstand, warum ich mich nie einsam fühlte, wenn ich alleine war – und dass ich diese Zeit für mich brauchte. Ich verstand, warum ich Parys nie besonders mochte und stattdessen lieber ein tiefes Gespräch mit einer einzelnen Person führte. Und ich verstand, warum ich mit meinen ständig neuen Ideen und meinem Wunsch nach tiefgründigen Gesprächen manchen Menschen ganz schön auf die Nerven ging.

„Wenn ich weiß, wer ich bin und wie ich mit mir
umgehen muss, gewinnt das Leben an Leichtigkeit.“

Beruflich bedeutet Introvertiertheit für mich vor allem eines: Ich brauche regelmäßig Zeit für mich.

Ich liebe den Austausch mit anderen Menschen. Aber ich darf mir nicht zu viele Gespräche und Termine an einem Tag vornehmen. Sonst bin ich am Abend völlig ausgelaugt. Small Talk kann ich inzwischen durchaus. Trotzdem freue ich mich, wenn ein Gespräch irgendwann die Oberfläche verlässt und in die Tiefe geht.

Meine frühere Schüchternheit habe ich übrigens hinter mir gelassen. Netzwerken habe ich inzwischen auch gelernt – und tatsächlich sind Introvertierte oft hervorragende Netzwerker, weil sie gut zuhören, aufmerksam beobachten und echtes Interessa an ihrem Gegenüber haben.

Zum Glück bin ich eine Scannerpersönlichkeit

Fast mein gesamtes Berufsleben war ich auf der Suche nach meiner Berufung. Nach diesem einen Beruf, der perfekt zu mir passt, meine Fähigkeiten nutzt und mir gleichzeitig Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Hätte ich damals gewusst, dass ich eine Scannerpersönlichkeit bin, wäre vieles entspannter gewesen.

Das dritte Buch, das mein Leben verändert hat, war „Refuse to choose“ von Barbara Sher, auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“. Ich entdeckte es damals in der englischen Originalversion. Für mich war es mindestens genauso wichtig wie Susan Cains Buch über Introvertiertheit.

Stillstand ist Rückschritt

Seit diesem Buch verstehe ich, warum ich so wissbegierig, offen und begeisterungsfähig bin. Warum mich neue Themen magisch anziehen. Warum ich die Energie von Neuanfängen liebe und warum mich zu viel Routine auf die Dauer langweilt.

Eine Freundin brachte es einmal treffend auf den Punkt: „Bevor ich mir das Buch kaufe, das du mir empfohlen hast, bist du schon zwei Bücher weiter“.

Inzwischen weiß ich auch, warum jede klassische Positionierungsarbeit in meinem Business irgendwann scheiterte. Eine spitze Positionierung funktioniert für Scanner oft anders als für Spezialisten. In meiner Arbeit muss Platz sein für Wandel, neue Ideen, Lernen und Weiterentwicklung. Meine berufliche Aufgabe darf sich entwickeln Sie muss nicht für immer gleich bleiben.

Inzwischen gibt es viele weitere Bücher zu diesen Themen. Besonders gefallen haben mir die Bücher von Anne Heintze, beispielsweise „Außergewöhnlich NORMAL“ .

Ich brauche keine Schubladen mehr

Diese drei Bücher haben mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen. Sie gaben meinen Erfahrungen einen Namen und vermittelten mir das beruhigende Gefühl, nicht falsch zu sein.

Dafür bin ich ihnen bis heute dankbar.

Gleichzeitig hat sich mein Blick darauf verändert. Heute glaube ich nicht mehr, dass wir uns über Begriffe wie hochsensibel, introvertiert oder Scannerpersönlichkeit definieren müssen. Solche Modelle können Orientierung geben. Sie können uns helfen, uns selbst besser zu verstehen. Aber sie sind niemals die ganze Wahrheit.

Denn kein Mensch passt vollständig in eine Schublade. Dazu sind wir zu einzigartig.

Ich habe im Laufe der Jahre erlebt, wie sich vieles verändert hat. Die Schüchternheit, die mich früher begleitet hat, ist längst nicht mehr dieselbe. Manche Eigenschaften sind geblieben, andere haben sich weiterentwickelt. Wieder andere zeigen sich heute ganz anders als früher.

Deshalb sind diese Begriffe für mich heute eher Wegweiser als Identitäten.

Viel wichtiger als die Frage, wie wir heißen oder in welche Kategorie wir passen, erscheint mir inzwischen eine andere Frage: Wie gut kennen wir uns selbst?

Je besser ich mich verstanden habe, desto weniger musste ich mich mit anderen vergleichen. Desto weniger Energie habe ich darauf verwendet, normal sein zu wollen. Und desto mehr konnte ich das Leben so gestalten, dass es wirklich zu mir passt.

Vielleicht ist die eigentliche Aufgabe solcher Bücher: Nicht uns in eine Schublade zu stecken, sondern uns zu helfen, uns selbst ein Stück näherzukommen.

Und wenn wir genau das schaffne, dann haben sie ihren Zweck erfüllt.